Das Videospielmusik-Spektakel Game On Symphony lockte vergangenen Donnerstag 400 Gäste nach München und 150.000 Zuschauende in die BR-Livestreams.
Der Musikjournalist Fridl Achten und die Streamerin KaddiTV führten im Carl-Orff-Saal des Fat Cat (Gasteig) durch den Abend. Im Mittelpunkt der rund zweieinhalb stündigen Game On Symphony standen die 68 Musikerinnern und Musiker des Münchner Rundfunkorchester und Dirigent Robert Ames, der schon an zahlreichen Film-Soundtracks wie Konklave, Im Westen nichts Neues (2022) und zuletzt 28 Years Later: The Bone Temple mitgewirkt hat und Mitbegründer, Dirigent und Künstlerischer Leiter des London Contemporary Orchestra ist.
Während das Konzert mit einer Symphonic Suite von Benny Oschmann aus dem Point’n’Click-Adventure The Book of Unwritten Tales 2 vom Bremer Studio King Art begann, wurde recht schnell zum Höhepunkt übergegangen: Kōji Kondōs ikonische Themen aus Nintendos The Legend of Zelda. Das 15-minütige Arrangement von Geneviève Eckel, welches offenbar im vergangenen Herbst bereits in Düsseldorf aufgeführt wurde, finden sich neben dem Hauptthema, Klassiker aus Ocarina of Time wie „Zeldas Wiegenlied“, „Great Fairy’s Fountain“, „Salias Lied“, „Gerudo Valley“ (samt Body Percussion) und die „Hymne des Sturms“ wieder, gefolgt von einem epischen Finale mit Einflüssen aus moderneren Zelda-Spielen wie Tears of the Kingdom, aufgeteilt in die Abschnitte „Ouverture“, „Echoes of Zelda“, „Echoes of Adventure“ und „The Kingdom’s Reckoning“ – absolut grandios! Um noch in den Genuss des fantastischen Zelda-Medleys zu kommen, müsst ihr das Twitch-VoD ansteuern, denn in der YouTube-Aufzeichnung ist es zu unserer Verwunderung, vermutlich aus Rechtegründen, nicht mehr zu finden. Hoffentlich findet es zumindest seinen Weg in die ARD Mediathek.
Das Münchner Rundfunkorchester verwöhnte das Publikum mit einer Uraufführung von George Strezovs Hauptthema und „Storming the Fortress“ aus dem Rundenstrategie-Spiel Jagged Alliance 3 aus dem Hause Haemimont Games und schloss thematisch passend noch eine Suite aus der Feder von Ian Livingstone und aus dem Echtzeit-Taktik-Klassiker Company of Heroes von Relic Entertainment an.
Während man im Stream hilfreiche Infos, Easter Eggs wie die Ocarina aus The Legend of Zelda und Interaktionsmöglichkeiten wie eine Klickwiese zum Aufstöbern des Englischhorns vorfand, wurde im Saal auf einer Leinwand zumindest ein Screenshot aus dem jeweiligen Spiel gezeigt, wenn diese auch wenig aussagekräftig waren. Statt Lara Croft gab es eine Treppe aus Tempel des Osiris zu sehen und der Übergang zwischen CoH, dem Strategiespiel, und CoD, dem Ego-Shooter, war im Saal schwer nachzuvollziehen – hier wäre zukünftig noch mehr drin. Der tollen Akustik im Saal, der gelungenen Beleuchtung und der Produktionsqualität bei Kamera und Tonabmischung im Stream gebührt ein besonderes Lob.
Wilbert Roget II. wurde in besonderer Weise auf der Veranstaltung gewürdigt. Einerseits wurde ebenfalls von Geneviève Eckel arrangierte Medleys seiner Musik aus Call of Duty WWII (Sledgehammer Games; „Brotherhood of Heroes“, „Home“, „Birds of Prey“) und Lara Croft und der Tempel des Osiris (Crystal Dynamics; „Ouverture“, „Overworld“, „Army of the Dead“, „Shrine of Osiris“) gespielt, andererseits wurde er auch live aus Seattle zugeschaltet. Der Komponist von Star Wars: Outlaws und Helldivers II war nicht nur mit einer passenden „How About A Nice Cup Of Liber-Tea!“-Tasse ausgestattet, er sprach zudem darüber, wie Final Fantasy VII (Square Enix) ihn dafür begeisterte eine Karriere in der Videospielmusik einzuschlagen und dass Konamis Metal Gear, Bandai Namcos Tekken, SEGAs Virtua Fighter und insbesondere FromSoftwares Bloodborne zu seinen Lieblingstiteln zählen.
Für die Musik von Pacific Drive hat er mit seinem Smartphone verschiedene Alltagsgeräusche aufgenommen und mit Native Instruments Kontakt in Instrumente umgewandelt. Auf die Schilderung, wie er das Donnern bei der Kreuzung zweier Tokioter Bullet Trains aufgenommen hat entgegnet Fridl Achten, das sei bei den vergleichsweise langsamen Zügen der Deutschen Bahn schwer vorstellbar.
In CoD: WWII versuchte Wilbert Roget II. die Grausamkeit des Krieges musikalisch darzustellen. Die Darbietung des Münchner Rundfunkorchesters steht der des Nashville Scoring Orchestras aus dem Spiel in nichts nach.
Abenteuerlich wurde es mit einer fantastischen Darbietung des populären „Nate’s Theme“ von Greg Edmondson aus dem Action-Adventure Uncharted: Drakes Schicksal (Naughty Dog), einem Arrangement aus dem Survival-Game Valheim von Patrik Jarlestam und dem Iron Gate Studio und einer Orchestral Suite („The Trek“, „Brutal Ambush“, „Nebakov March“) aus Kingdom Come: Deliverance II von Jan Valta und den Warhorse Studios, dem Besten Rollenspiel und einem der beiden Spiele mit der immersivsten Spielwelt des letzten Jahres.
Ganze zehn Minuten durfte der Saal der Uraufführung von „A New Day Awakens“ und „Approaching Tempest“ aus dem Globalstrategiespiel Victoria 3 von Paradox Interactive und von den Komponisten Yannick Süß und Robin Birner lauschen.
„Blechbläser sind cool,“ meinte Ulrich Pluta, Leiter der Künstlerischen Planung des Münchner Rundfunkorchesters. Er hat nichts als Lob für Valves The Orange Box (Half-Life 2 + Episoden, Portal und Team Fortress 2) übrig und würde bei einer Veröffentlichung des seit Jahrzehnten heiß erwarteten Phantomspiels Half-Life 3 offenbar direkt Urlaub einreichen.
Zu den emotionalen Höhepunkten des Abends zählten Bioshock und Frostpunk. „The Ocean on his Shoulders“ von Garry Schyman erklang in der Ego-Shooter-Reihe erstmals, als wir uns in die Abgründe der dystopischen und klaustrophobischen Unterwasser-Stadt Rapture hinab begaben und die Streicher des Orchesters setzten diese Stimmung fabelhaft um – womöglich beflügelt von der lieben Chat-Botschaft „Hallo an meinen Vater Emmanuel in den zweiten Geigen, dein Sohn schaut zu.“
Piotr Musiał und Stürme sind augenscheinlich untrennbar miteinander verwoben. Während seine musikalische Untermalung der gefürchteten magnetischen Stürme in The Alters (11 Bit Studios) im vergangenen Jahr massenhaft Gamer-Herzen in Panik höher schlagen ließ, eroberte die Darbietung des Münchner Rundfunkorchesters von „The City Must Survive“ das Publikum wie im herannahenden gewaltigen Schneesturm in dem Strategiespiel Frostpunk mit der gleichen Kombination aus Komponist und Entwicklerstudio. Im Chat wurde das Lied gar für eine fulminante Zugabe am Ende auserkoren.
Game On Symphony soll noch bis zu drei Mal in diesem Jahr zurückkehren und zwar in Köln am 29. August passend zur gamescom, in Berlin und wieder in München. An großartiger Videospielmusik mangelt es wahrlich nicht, doch an die Partituren und Arrangements zu kommen ist sicherlich nicht immer einfach. Wir drücken die Daumen für ein weiteres erfolgreiches Spektakel für Videospielmusikenthusiasten.
Der Bayerische Rundfunk hat uns Zugang zu Game On Symphony ermöglicht. Das Artikelbild wurde vom BR mit Unterstützung von Künstlicher Intelligenz (KI) erstellt.







