Switch to: Englisch
Nur noch wenige Stunden bis die zweite Staffel von Fallout seine Premiere feiert und hier sind unsere Eindrücke der ersten sechs aus acht Folgen.
Im April vergangenen Jahres lief die erste Staffel der Verfilmung von Bethesdas Rollenspielreihe Fallout, die uns mit starken dreidimensionalen Charakteren und einer hochspannenden Story beeindruckt hat und die wir allen Fans der Videospielreihe bedenkenlos ans Herz gelegt haben, auch wenn sie ihre Längen hatte. Im Gegensatz zur ersten Staffel veröffentlicht Amazon auf Prime Video ab dem morgigen Mittwoch, den 17. Dezember morgens um 3 Uhr MEZ bis zum Finale am 4. Februar 2026 wöchentlich eine neue Folge und stellt nicht direkt alle acht Episoden von Staffel 2 zur Verfügung, wovon wir sechs bereits sehen konnten.
Die zweite Staffel beginnt mit einer Rückblende in das Los Angeles vor dem Nuklearkrieg im Jahr 2077. Auf den Stufen vor dem Rathaus schlagen Demonstrierende auf Roboter ein während Robert House (Rafi Silver) von RobCo Industries in einem Fernsehinterview der US-Regierung seine Unterstützung in internationalen Beziehungen anbietet. Fallout-Fans kennen den illustren Herrscher von New Vegas aus der Videospielvorlage. Ein Industrieller (Justin Theroux) injiziert bei einer Auseinandersetzung in einer Kneipe einem Bauarbeiter einen Chip in den Nacken, mit dem er ihn auf Knopfdruck kontrollieren kann. Fallout betritt für die Macherinnen und Macher bekanntes Terrain, denn Executive Producer Lisa Joy und Jonathan Nolan zeichnen sich auch für Westworld verantwortlich. In der Sci-Fi-Wildwest-Serie haben die Roboter ihre Programmierung überwunden, einen eigenen Willen gebildet und in der letzten Staffel sogar Teile der Menschheit unterjocht. Joy hat auch diesmal wieder teilweise selbst auf dem Regiestuhl Platz genommen.
220 Jahre nach dem Großen Krieg verbünden sich Lucy MacLean (Ella Purnell) und der Ghoul (Walton Goggins) mit unterschiedlichen Motivationen, um Lucys Vater Hank MacLean (Kyle MacLachlan) in New Vegas aufzuspüren, der am Ende von Staffel 1 in einem T-60-Mech-Anzug fliehen konnte. Während seine Tochter ihn seiner gerechten Strafe in Vault 33 – einem der zahlreichen ausgeklügelten Bunkerkomplexe tief unter der nuklear verseuchten Erde, in denen die Menschheit für Jahrhunderte ausgeharrt hat – zuführen möchte, weil er dafür verantwortlich gemacht wird Shady Sands mit einer Atombombe ausgelöscht zu haben, will ihn der Ghoul dazu benutzen, mit seiner nach der Nuklearkatastrophe in den Vaults verschwundenen Familie wieder vereinigt zu werden. In seinem früheren Leben war der Ghoul der prominente Hollywood-Schauspieler Cooper Howard. In einer eindrucksvollen Szene erleben wir, wie er seine Tochter Janey (Teagan Meredith) in Sicherheit bringen will als die Alarmsirenen das scheinbar so idyllische Leben in einem der Prunkviertel LAs unterbrechen und er mit einem Vault-Tec-Werbeplakat mit seinem eigenen Konterfei konfrontiert wird. In der letzten Staffel haben wir erfahren, dass Barb Howard (Frances Turner) von Vault-Tec in die Atombombenschläge involviert ist. In Staffel 2 übernimmt sie eine der Hauptrollen und wir erfahren in Rückblenden deutlich mehr über ihre Motivationen und Einflüsse.
Kyle MacLachlan verkörpert die Rolle des undurchsichtigen Hank MacLean wieder einmal fantastisch und auch Twin Peaks-Fans – MacLachlan hat in David Lynchs Mystery-Serie FBI-Agent Dale Cooper gespielt – dürfte der Auftritt zufriedenstellen. Seine mindestens moralisch fragwürdigen Taten stehen in einem krassen Kontrast zu der liebevollen Art wie er Lucy behandelt. Mit Ella Purnell hat MacLauchlan eine ebenbürtige Szenepartnerin gefunden und Lucy begibt sich auch in dieser Staffel wieder in einige wilde Abenteuer und sie wird mit kniffligen moralischen Dilemmata konfrontiert. Von dieser Staffel wird besonders eine großartig geschnittene Szene in Erinnerung bleiben, in der sie unter Einfluss von Medikamenten mit ihrem Gewehr zu Johnny Cashs Cocaine Blues eine Reihe Ghouls in Elvis-Outfits ausschaltet. Während die Übertragung vom Videospiel in die Serie gut funktioniert, scheinen die Überlieferungen der realen Historie nicht ganz richtig in die Mojave-Wüste vorgedrungen zu sein und so trifft Lucy auf das Lager der Legion, deren Anführer (Kaleti Williams) samt Lorbeerkranz allerdings nicht etwa auf den Namen Julius Cäsar hört, sondern als Kaiser angesprochen wird. Hier entfaltet sich ein spannender Nebenstrang mit der ein oder anderen Überraschung und den Autorinnen und Autoren gelingt es hier wie an anderen Stellen, die Welt mit interessanten Nebencharaktere zu bevölkern. Fans des Franchise freuen sich über einige Gastauftritte aus der ersten Staffel und von Charakteren aus den Spielen.
Während tagsüber die Bevölkerung in teils ausgefallenen Kostümen durch die staubigen Straßen von New Vegas tingelt und Ladenbesitzer bei jeglicher Unachtsamkeit tot in der Tonne landen können, machen nachts Todeskrallen die neonbeleuchteten Straßen des ehemaligen Glücksspielparadieses unsicher. Das sind flinke und starke Abwandlungen des Jacksons Chamäleons, die der Ghoul in einer Rückblende in seinem früheren Leben als Soldat im Großen Krieg bereits kennengelernt hat. Obwohl der Krieg immer wieder kurz thematisiert wird, sehen wir recht wenig davon und die ersten sechs Folgen zeigen vor allem, was dazu geführt hat und was Hunderte Jahre danach die Auswirkungen dessen sind. Michael Esper überzeugt in der Rolle des schmierigen Vault-Tec-Executives Bud Askins und als bitterböses Gehirn auf einem Reinigungsroboter (Brain-On-A-Roomba), welcher den in Vault 31 eingeschlossenen Bruder von Lucy, Norm MacLean (Moisés Arias), psychologisch auseinandernimmt – bis dieser kurzerhand die desorientierten Bewohnerinnen und Bewohner des Vaults aus ihrem Kryoschlaf erweckt und in einer gänzlich neuen Welt begrüßt. Dieser spannende Story-Strang führt uns in die ehemalige Schaltzentrale von Vault-Tec, in der passenderweise zwischenzeitlich riesige mutierte Kakerlaken gezüchtet werden.
Ritter Maximus (Aaron Moten), den wir aus der ersten Staffel in seinem ikonischen Mech-Anzug T-60 kennen und der vom Knappen befördert wurde, wird in einen Machtkampf in der Stählernen Bruderschaft verstrickt. Die Stählerne Bruderschaft wird vom Ältesten Geistlichen Quintus (Michael Cristofer) angeführt, der in einem riesigen schwebenden Blechkasten in der Mojave-Wüste residiert – Dune-Fans kommen in diesen Sequenzen auf ihre Kosten. Als Xander Harkness (Kumail Nanjiani) vom Commonwealth die Bruderschaft besucht, wird es dort umso hitziger. In einer Rückblende erleben wir aus den Augen von Maximus (Amir Carr) und seiner Familie wie das aus den Ruinen des Atomkriegs geschaffene Selbstversorger-Paradies Shady Sands von einer Atombombe zerstört wird. Die starke Charakterentwicklung von Maximus über beide Staffeln hinweg vom tumben Befehlsempfänger zum mutigen Kämpfer, der für seine Überzeugungen eintritt, zählt zu einen der maßgeblichen Gründen, auch dieses Mal wieder Woche für Woche einzuschalten.
Weitere zentrale Schauplätze der zweiten Staffel von Fallout sind die Vaults 32 und 33. Nach dem Überfall von Banditen in der ersten Staffel wurden die Vaults grundlegend umstrukturiert. Aufseherin Steph Harper (Annabel O’Hagan) herrscht in ihrer drakonischen Art über Vault 32. Ihr loyaler Begleiter Chet (Dave Register) und der manchmal wachsame Zach Cherry (Woody Thomas) kommen langsam dahinter, dass hier wohl nicht ganz mit offenen Karten gespielt wird. Betty Pearson (Leslie Uggams) ist auf der anderen Seite an der Spitze von Vault 33 der Beweis dafür, dass die Menschlichkeit in den metallenen Untergrundkäfigen noch nicht ganz verschwunden ist. Dort kämpft Reg McPhee (Rodrigo Luzzi) für Extrarationen für eine ganz spezielle Selbsthilfegruppe. Nach einem weiteren rauschenden Fest der Gruppe wird deutlich, dass nicht nur die Popkultur und die Mode, sondern auch der Rassismus aus den 50ern und 60ern tief in den Köpfen der Vault-Bevölkerung verankert ist. Das Thema Rassismus wird in Fallout immer wieder aufgegriffen, etwa auch in Bezug auf die Ghouls, welche von der Stählernen Bruderschaft nicht als von der hohen Strahlenbelastung mutierte Menschen, sondern als minderwertiges Kanonenfutter betrachtet werden, allerdings sorgen hier immer wieder strahlende Gegenbeispiele für die Hoffnung, dass ein gesellschaftlicher Wandel möglich ist.
Wie in den stilsicheren Trailern der Videospielreihe wird in der Serie wirkungsvoll zeitgenössische Musik von Johnny Cash, Roy Orbison, Chubby Checker, Ferlin Husky, Marty Robbins und Bill Haley and His Comets eingesetzt. Die Serie wird von dem fantastischen, epischen orchestralen Soundtrack von Ramin Djawadi (Westworld) begleitet. Ein besonderes Lob gebührt den Szenebildnerinnen und Szenebildnern sowie den Kostümbilderinnen und Kostümbildnern, da das New Vegas in der Serie dem Schauplatz des gleichnamigen Spiels sehr nahe kommt. Der übermäßige Einsatz von Bloom – besonders in den Rückblenden – sorgt für Ermüdungserscheinungen. Die hochwertigen CGI-Effekte sorgen allerdings für bildgewaltige Momente, etwa wenn Lucy und der Ghoul in einem scheinbar verlassenen Krankenhaus von einem riesigen RAD-Skorpion attackiert werden oder sie von den schaurig schön designten Todeskrallen quer über den New Vegas Strip gejagt werden.
Fazit
Die zweite Staffel von Fallout knüpft nahtlos an die hohe Qualität aus Staffel 1 an und entführt uns in ein New Vegas, das genauso herrlich verschroben und gefährlich anmutet wie die Videospielvorlage. Ob wir in den Rückblenden Cooper Howard dabei begleiten, wie er verzweifelt versucht einen Nuklearkrieg zu verhindern, die Machtkämpfe in den Vaults 32 und 33 oder in der Stählernen Bruderschaft erleben oder Lucy und den Ghoul dabei zusehen, wie sie bei ihrer Suche nach Hank von einem Schlammassel ins nächste gelangen – jeder Erzählstrang ist spannend erzählt und hochwertig inszeniert. Es ist eine Freude den Protagonisten wie Maximus dabei zuzusehen, wie sie an ihren Herausforderungen wachsen. Die zahlreichen Cliffhanger können für Ernüchterung sorgen, da man diesmal auf jede neue Folge eine Woche warten muss und die Staffel nicht direkt an einem Stück genießen kann. Das neue Distributionskonzept scheint aber den gelungenen Schnitt der Serie nicht maßgeblich negativ beeinflusst zu haben, um künstlich Zuschauerinnen und Zuschauer bei der Stange und damit im Prime-Abo zu halten.
Zwei Folgen vor Ende sind noch bei Weitem noch nicht alle Geheimnisse gelüftet und wir freuen uns darauf zu erleben, wo die Reise für die einzelnen Figuren hingeht. Ohnehin sind wohl bereits bis zu sechs Staffeln geplant. Jonathan Nolan und Lisa Joy haben hoffentlich aus Westworld gelernt, das eine Staffel vor dem vorgesehenen Ende von HBO abgesetzt wurde, dass man nicht mit zu viel Sicherheit große Pläne schmieden sollte und die Serie würdevoll abschließen kann. Die Anzeichen sehen nicht danach aus, doch immerhin hält Amazon an Fallout fest, da eine dritte Staffel bereits bestätigt wurde. Die Dreharbeiten sollen, wenn es nach Jonathan Nolan geht, bereits im kommenden Sommer beginnen.
Amazon hat uns die ersten sechs Folgen von Fallout Staffel 2 vorab zur Verfügung gestellt und die Bilder bereitgestellt.
















