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Vier Jahre nach Ausbruch des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine zeigt Alice Biletskas Our House is on Fire die dramatischen ersten Tage in Kyjiw.
„Puschkin ist mit Panzern in mein Zuhause eingefallen. Lass uns etwas Ukrainisches lesen. Du findest etwas von Kozjubynskyj etwas weiter unten,“ entgegnet Sofias Großmutter (Galina Korneeva) auf den Vorschlag, ihr etwas aus der Großen Sowjetischen Enzyklopädie vorzulesen. Sofia (Anastasiia Pustovit) plant ihre erste große US-Tour als Sängerin. Für die Hochzeit ihres Bruders Simon (Vladyslav Mykhalchuk) kehrt sie am Tag vor Ausbruch des Krieges aus Los Angeles nach Kyjiw zurück und wird herzlich von Familie und Freunden empfangen. Die feuchtfröhliche Party führt die bunte Gesellschaft von ihrem Haus feiernd durch die Stadt ziehend in einen Nachtclub. Sofia findet dabei wieder zu ihrem Ex Max (Valivots Liubomyr), der ihrem amerikanischen Traum nach Hollywood nicht gefolgt ist. Bei einer lautstarken Auseinandersetzung vor dem Club fallen dann in den Morgenstunden des 24. Februar 2022 die ersten russischen Bomben auf die ukrainische Hauptstadt.
Our House is on Fire (Наш дім горит) wirkt oft wie ein Theaterstück, aufgrund der langen Kameraeinstellungen, das expressive Schauspiel und wiederkehrenden Schauplätze wie dem einladend eingerichteten Haus. In dem dramatischen Chaos gibt es immer wieder Lichtblicke. Dem Aufruf des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj an die Bevölkerung Schutz zu suchen folgt die de facto Annektion der ukrainischen Gebiete Luhansk und Donetsk von Wladimir Putin. Währenddessen gebärt Sofias Freundin Tania ihr Baby und die kalten Worte des russischen Machthabers treten in den Hintergrund. Die Gruppe vereint sich im warmen Licht um das Neugeborene in einer Einstellung, die einem Gemälde nahekommt. Auf dem Weg ins Krankenhaus weichen sie der von Flüchtenden verstopften Autobahn aus und nehmen verhängnisvollerweise eine Landstraße, die durch einen nahe gelegenen Wald führt. „Wir sind doch keine Barbaren,“ meint einer der russischen Soldaten, die eine Lichtung versperren und nach Max Ausweis fragen. Zunächst scheinen sie den mit der Aufschrift „KINDER“ markierten Kleinwagen umdrehen zu lassen, doch dann eröffnen sie das Feuer und alles ist plötzlich anders.
„Eine seltsame Stunde hat für die Welt geschlagen,“ singt Sofia in einem U-Bahnhof, in dem die Bewohnerinnen und Bewohner Kyjiw vor den Angriffen Zuflucht finden. In dem von Anastasiia Pustovit und Toms Auniņš komponierten Klagelied werden die zahllosen Kinder thematisiert, die von den Invasoren entführt worden sind – „Waisen auf der Suche nach ihrer Mutter“. Sofias Eltern konnten von dem belagerten Charkiw in das westlich gelegene Lwiw flüchten, für Sofia kommt das nicht in Frage. Max tritt der Armee bei und überrascht sie eines Morgens als Silhouette in der Küche. Entgegen ihrem Instinkt ist sie nicht geflohen und kümmert sich im örtlichen Krankenhaus um verwundete Soldaten. Sie weiß daher, mit dem verstörten Max, der als einziger seiner Einheit überlebt hat, umzugehen. Von Albträumen geplagt verschwimmen allmählich die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, sodass es selbst für Zusehende schwierig wird, diese zu unterscheiden, Anastasiia Pustovits großartigem Schauspiel sei Dank. Es gleicht einem Wunder, dass es Alice Biletska gelingt, trotz der gezeigten Gräuel glaubhaft auf einer positiven Note zu enden.
Dabei sollte man nicht vergessen, dass Our House is on Fire während des Krieges in Kyjiw gedreht wurde. Die Herausforderungen für die Darstellenden und Crew zwischen Fliegeralarmen und dem Bangen um die eigenen Liebsten einen so aufwendigen Film zu drehen lassen sich wohl schwer in Worte fassen. Die kosakische Ballade aus dem 17. Jahrhundert “Chorna Rillya Izorana” („Schwarzes Brachland“) von dem Dzvinochok-Chor geht unter die Haut, besonders als aus dem Knabenchor eine Gruppe uniformierter Soldaten wird. Hoffnungsvoller stimmt „Скажи мені Боже“ („Sag es mir, Gott“) von Maryna Krut alias KRUTЬ und dem Symphonie-Orchester der Stadt Chmelnyzkyj. Toms Auniņš orchestraler Musik und das teils beängstigend authentische Sounddesign tragen gemeinsam mit dem fantastischen Kostüm- und Setdesign maßgeblich zur dichten Atmosphäre des rund 90-minütigen Films bei. Einen Veröffentlichungstermin für Our House is on Fire gibt es seit der Premiere auf dem FilmFestival Cottbus im vergangenen November noch nicht.
Fazit
Our House is on Fire verfolgt auf eindrucksvolle Weise das Schicksal einer Gruppe junger Ukrainerinnen und Ukrainer, deren Welt sich mit dem russischen Angriff schlagartig geändert hat. Inmitten des seit vier Jahren andauernden Krieges Alice Biletska gelingt es, ein intimes spannungsgeladenes Kammerspiel und zahlreiche herzzerreißende Momente zu kreieren, ohne dabei Kriegsszenen zu zeigen. Protagonistin Sofia legt eine eindrucksvolle Charakterentwicklung von einer scheuen, vor Verantwortung flüchtenden Sängerin zu einer fürsorglichen Pflegekraft für verwundete Soldaten hin, welche allerdings durch so manchen Zeitsprung nicht hundertprozentig nachvollziehbar ist. Die normalerweise kaum erwähnenswerte Verwendung von CGI in manchen Albträumen und im Filmposter sorgte gemeinsam mit der kaum wahrnehmbaren Präsenz des Films online mitunter dafür, dass er falsch eingeschätzt wurde. Hoffentlich ändert sich das bald, sodass der Film einem wirklichen Publikum zugänglich gemacht wird, genauso wie es der ukrainischen Bevölkerung zu wünschen ist, dass das idyllische Ende des Films bald Realität wird.
Die Produktionsfirma hat uns Our House is on Fire zur Verfügung gestellt.






