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Zelluloitis - Filmecke

Zelluloitis: Das Verschwinden des Josef Mengele

Kirill Serebrennikows Verfilmung des gleichnamigen Buches von Olivier Guez begleitet den SS-Lagerarzt Josef Mengele (August Diehl) auf seiner Flucht nach Südamerika.

„Gewissen, weißt du Rolf, das ist eine Krankheit, die sich schwache Menschen ausgedacht haben, um das Handeln zu blockieren und den Willen lahmzulegen,“ raunt Mengele seinem Sohn Rolf (Max Bretschneider) zu, als er über seine Selektionen an der Rampe des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau spricht. Dort sind von 1940 bis 1945 von Nazi-Deutschland circa 1,1 Millionen Menschen, darunter 960.000 Jüdinnen und Juden, ermordet worden. Er rechtfertigt seine Rolle darin damit, er habe ganz viele Menschen dadurch gerettet, indem er sie als arbeitsfähig deklarierte – dass die überwältigende Mehrheit dieser Menschen das Lager ebenfalls nicht lebendig verlassen haben, lässt er dabei außer Acht.

Das Verschwinden des Josef Mengele beginnt in der Gegenwart. Wir finden uns im brasilianischen São Paulo des Jahres 2023 wieder. Einer Gruppe von Studierenden wird ein Skelet gezeigt. Zwei Zwillingen sagt der Professor, sie sollen keine Berührungsängste haben – Mengele, der in Auschwitz u.a. an Zwillingen experimentierte, könne ihnen schließlich nichts mehr anhaben. Schnitt und wir sind im Buenos Aires des Jahres 1956. Die Zahnlücke offenbahrt, dass wir Mengele dabei beobachten, wie er versucht sich elf Jahre nach Kriegsende möglichst unerkannt durch die argentinische Hauptstadt zu bewegen. Anders als in der Buchvorlage von Olivier Guez kauft er sich an einem Kiosk das rassistische Hetzblatt Der Weg. Einer Gruppe jüdischer Touristen weicht er ebenfalls recht auffällig aus – das steht im Gegensatz zur spannenden Inszenierung mit einem Film-Noir-artigen Soundtrack von Ilya Demutsky, welcher sich größtenteils im Hintergrund aufhält, aber mit wiederkehrenden Themen ab und an aufbrandet, auch wenn nicht immer an nachvollziehbaren Stellen. In dem Thriller finden sich auch viele zeitgenössische Werke von Schiller, Wagner, Francisco Canaro, Carlos Ramos und Anibal Troilo wieder.

Der Film springt häufig zwischen den Zeitlinien. In einem Moment kümmert sich der alte Mengele (ein großes Lob gebührt den Masken- und Kostümbildnerinnen und -bilndern) um seinen Schäferhund Tzigano (ein abwertender Begriff für Sinti und Roma), im nächsten besucht er seine Familie im schwäbischen Günzburg. Am damaligen Flughafen München-Riem kann Mengele 1956 problemlos landen, sein Sohn hat da 20 Jahre später verständlicherweise größere Probleme in Brasilien mit diesem Namen einzureisen. „Möge unser Schlaf frei von Albträumen sein.“ Ein Gebet, das Mengeles Vater Karl, gespielt von dem Sprecher des Hörbuchs der Buchvorlage Burghart Klaußner (Der Staat gegen Fritz Bauer), jeden Abend auf Latein spricht. Josef möge es sich doch auch gerne aneignen, schließlich habe er „im Krieg ja nur seinen Dienst getan“, wie seine Familie und Freunde seine Rolle im Holocaust verharmlost.

Erst Jahre später wird er angeklagt und ein Kopfgeld wird auf ihn ausgesetzt, das zeitweise sieben Millionen Mark (heute knapp 3,6 Mio. Euro) betragen hat. Die Familie lebt weiterhin im Luxus, besitzt ein großes Anwesen, beschäftigt Bedienstete und ist dank der Landmaschinenproduktionsfirma bestens in der Umgebung vernetzt, sponsort örtliche Bauvorhaben und bittet den zurückgekehrten Sohn einfach stillzuhalten bis Gras über seine Gräueltaten gewachsen ist.

In Südamerika leben die geflüchteten Nazi-Generäle anno 1962 wie Adelige. Doch selbst die Bediensteten in einer Prunk-Villa in Buenos Aires, in der Mengele umringt von Funktionären des NS-Regimes, die ihre Ideologie dort fast zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs offen ausleben, seine Hochzeit mit seiner zweiten Frau Martha (Friederike Becht) feiert, stufen Mengele direkt nach der ersten Begegnung als eigenartig ein. Auf der Hochzeitstorte steckt eine Hakenkreuzfahne und auf der Terrasse singt die versammelte Gesellschaft „Flieger, grüß mir die Sonne“ von Hans Albers. Die ganze Zeremonie wird in einem aufwendigen One-Shot präsentiert. Albrecht Dürers Kupferstich Ritter, Tod und Teufel aus der Buchvorlage findet sich immer wieder im Hintergrund in den unterschiedlichen Zufluchtsorten Mengeles wieder. Dieser wurde von den Nazis genauso instrumentalisiert, wie Hans Albers, der zwar auf Distanz zu ihnen ging, aber trotzdem in Propagandastücken mitwirkte.

Der paranoide Mengele verwendet unterschiedliche Decknamen wie Helmut Gregor, Peter Hochbichler und Dom Pedro, zieht von Argentinien über Paraguay bis nach Brasilien und leidet unter einem so starken Verfolgungswahn, dass er nicht nur einen langjährigen Bediensteten seiner Familie des Verrats verdächtigt, sondern sogar in einer verregneten Nacht beinahe seine Freunde erschießt. Er kommt zeitweise bei einem geflüchteten ungarischen Ehepaar unter, das Reibach mit Mengele machen will. Geza (Tilo Werner) macht sich hingegen über Mengele und die gespielte Überlegenheit der Nazis lustig und jagt ihn mit Schreckgeschichten, die seine Paranoia befeuern, Angst ein bis Mengele ausrastet und ungehalten auf den Mann einschlägt. Gitta (Annamária Láng) macht sich zwar auch über ihn lustig, schläft allerdings auch mit ihm und bezeichnet es als „Strafe Gottes“, dass eine konkurrierende jüdische Ballerina in einem KZ gelandet ist. Kirill Serebrennikows Film zeigt schonungslos den unverhohlenen Ausländerhass der Protagonistinnen und Protagonisten, dessen Folgen und die kollektive Verdrängung.

Der Film ist größtenteils in schwarz/weiß gehalten, mit wenigen Ausnahmen. Einmal an Fluss beim Baden von Mengele mit seiner ersten Frau Irene (Dana Herfurth) im Fluss Soła, nahe Auschwitz und dem heutigen polnischen Ort Oświęcim. Die Szene gleicht der Eröffnungssequenz von The Zone of Interest. Einmal in einem intimen Moment mit Irene, als ihm erstmals sein Sohn Rolf auf einem Foto gezeigt wird. Irene belustigt, dass Mengele nichts über die Herkunft seines eigenen Familiennamens weiß und wundert sich darüber, dass er als einer der führenden Eugeniker des NS-Regimes dunklere Haut und schwarzes Haar hat.

Im Gegensatz zu Jonathan Glazers Film, in dem in einer Einstellung die Kamera auf den Lagerkommandanten fixiert ist und man die Todesmaschinerie hört, zeigt Kirill Serebrennikow das, was im Innern der Mauern des Lagers passiert. Die Offiziere wedeln feixend mit der Reitgerte und verurteilen damit zahllose Menschen zum Tode. Von diesen Aussonderungen gibt es nur wenige Archivaufnahmen. Mengele und sein Kollegium studieren einen entstellten Mann mit einem Rundrücken und verschobenen Gliedmaßen und den Sohn, der keine Verformungen aufweist. Die grausamen Experimente kommen immer wieder zur Sprache, doch in diesen Szenen sieht man explizit die Massaker, die an den Häftlingen begangen wurden. Diese Sequenz wurde mit einem Filter unterlegt und mit einer Handheld-Kamera gedreht, was suggeriert, das Personal habe die Szenen auf morbide Weise selbst gedreht. Die tief verstörenden Bilder werden von einem Orchester von Kleichwüchsigen untermalt, die das Gedicht „Geduld“ von Richard Strauß aufführen. Hierbei handelt es sich um eine der Gruppen, an denen Mengele diese barbarischen Experimente durchgeführt hat und die bis heute um Anerkennung ihrer Verfolgung während des Zweiten Weltkriegs kämpfen. Wir sehen Miklós Nyiszli, der gezwungen wurde als Häftlingsarzt und Obduzent Mengeles zu arbeiten, und Professor von Verschuer, der trotz seiner Verstrickungen mit dem Holocaust 1951 von der Universität Münster zum Professor für Humangenetik berufen wurde.

Die Darstellung des Aufeinandertreffens von Josef Mengele und seinem Sohn Rolf wurde nahezu eins zu eins von einem TV-Interview übernommen. Rolfs Friseurbesuch und fiebertraumartig inszeniertes Fußballspielen wirken dabei etwas befremdlich und unpassend. Die Konfrontation wird auf beeindruckende Art und Weise von August Diehl und Max Bretschneider auf die Leinwand transportiert. Die ehrlichen Fragen des Sohnes werden mit von rassistischen Hasstiraden, kruden Verschwörungsfantasien und einer gewaltigen Portion Selbstmitleid beantwortet. Die ständigen Unterbrechungen und Zeitreisen stören diesen Teil etwas. Mengele verbringt seine letzten Tage vereinsamt und in Armut. Erst Jahre nach seinem Ableben werden seine Überreste zugeordnet und dienen fortan auch in der Realität der Medizinischen Fakultät der Universität São Paulo als Anschauungsmaterial.

Das Verschwinden des Josef Mengele ist ab heute auf DVD und Blu-ray erhältlich und ebenfalls als Video-on-Demand auf den gängigen Streaming-Diensten verfügbar.

Fazit

Das Verschwinden des Josef Mengele ist gerade wegen der großartigen Performance von August Diehl in der Hauptrolle des SS-Lagerarztes Josef Mengele ein sehenswerter Film. Die Inszenierung im Film Noir-Stil ist eine interessante Entscheidung und die Umsetzung der Sequenzen, in denen Mengele sich mehr schlecht als recht versucht unauffällig zu verhalten, sowie die vielen Zeitsprünge sind den anderen Szenen gegenüber, in denen Mengele von seinem Sohn konfrontiert wird, eher abträglich. Die explizite Darstellung der Menschenexperimente in dem Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in Farbe sticht dabei heraus. Sie holt die Zuschauenden nach der ganzen Täterpropaganda wieder zurück in die grausame Realität. Dadurch, dass der Großteil des Films allerdings eben danach spielt und als schwarz/weiß-Thriller inszeniert wird, wirkt die Szene in diesem Film trotzdem etwas fehlplatziert. Denjenigen, die an dem Thema interessiert sind und idealerweise Vorkenntnisse mitbringen, können wir Das Verschwinden des Josef Mengele empfehlen.

Der Filmverleih DCM hat uns Das Verschwinden des Josef Mengele und das Bildmaterial zur Verfügung gestellt.