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Special

DOK.fest München 2024 – Premieren, Democrazy, Education

Vom 1. Mai bis einschließlich heute fand das DOK.fest in München und online statt. Wir haben uns ein paar der spannenden Dokus angesehen.

Programm

109 Filme aus 51 Ländern nahmen an dem 39. DOK.fest München teil. Dabei setzte man auf eine duale Strategie aus Kinovorführungen (1.-12. Mai) und einem Video-on-Demand-Angebot (6.-20. Mai). Neben den dotierten Kategorien, in denen die besten Filme gekürt wurden, fokussierte man sich auf die Themen Filmemachen im Exil, Demokratie, Panorama, Bildung, Musik, Afrika und Hommage an das niederländische Regie-Duo Petra Lataster-Czisch und Peter Lataster. Zusätzlich wurden die beste Filme vergangener Festivals sowie die Doku über den verstorbenen russischen Oppositionspolitiker Alexei Nawalny aufgeführt.

Projekt Ballhausplatz: Aufstieg und Fall des Sebastian Kurz (Regie: Kurt Langbein) behandelt die politischen Stationen von Sebastian Kurz von der Landtags- und Gemeinderatswahl in Wien 2010 bis hin zur Kanzlerschaft 2017. Regisseur Kurt Langbein sprach mit dem Umfeld von Sebastian Kurz (ÖVP) etwa über das “Geilomobil”, welches im Wahlkampf für Furore sorgte, aber auch über die “Prätorianer”, Verbündete Kurz’ im Kabinett, und thematisiert die “Ibiza-Affäre” rund um Vize-Kanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) sowie die ÖVP-Korruptionsaffäre, welche letztendlich zum Rückzug Kurz’ aus der Politik führte. Selbst wenn man mit der Thematik vorher kaum Berührungspunkte hat, bietet die Doku Einblicke in das politische Geschehen Österreichs, welche bei “Piefkes” mindestens für gehobene Augenbrauen sorgen. Besonders die Offenheit, in der in dieser Zeit zwischen den Akteuren kommuniziert wurde, wird eindrucksvoll dargestellt. Auch die Interaktionen mit der Presse abseits der Fernsehkameras, wie es der ehemalige ORF-Journalist Paul Tesarek berichtet, sind sehr interessant. Daneben kommen etwa auch Ferry Maier, ehemaliger ÖVP-Generalsekretär, die Falter-Journalistin Barbara Tóth, der SPÖ-Politiker Peko Baxant und der Migrationsforscher Gerald Knaus zu Wort. Die Folgen der gestrichenen Kinderbeihilfe für Betreuerinnen und Betreuern aus dem Ausland für Stimmenfang beschreibt Pflegerin Eleonora Daniela Huiban eindrucksvoll. Projekt Ballhausplatz ist eine sehenswerte Doku für Politikinteressierte.

Fragmente aus der Provinz (Regie: Martin Weinhart) versetzt uns im Jahr der Landtagswahlen 2024 in den sogenannten neuen Bundesländern Brandenburg, Sachsen und Thüringen ins Thüringer Land zur Bürgermeisterwahl 2022 in Kloster Veßra. Dort tritt der offen rechtsradikal agierende Wirt und Shop-Betreiber Tommy Frenck (BZH Bündnis Zukunft Hildburghausen) gegen Wolfgang Müller (FW-Verein Neuhof e.V. 1991) an. Während der Gegenkandidat Müller und der Ausgang der Wahl eine untergeordnete Rolle spielt, tun die Protagonistinnen und Protagonisten offen ihre Meinung kund, wohlgemerkt ohne jegliche Einordnung. Das öffnet der rechtsradikalen Hetze Tür und Tor, allerdings kommen auch Stimmen aus dem linken und dem bürgerlichen Spektrum im Umkreis von circa 30 Kilometern zu Wort, etwa der Migrationsbeauftragter in Suhl, die Freiwillige Feuerwehr in Gompertshausen oder Christopher Other (CDU), Bürgermeister der Stadt Heldburg. Der Münchner Liedermacher und Autor Florian Kirner, alias Prinz Chaos II., veranstaltet im 12 Kilometer entfernten Hildburghausen jährlich das Paradiesvogelfest. In Kirners 1478 erbautem Renaissance-Schloss Weitersroda am Südhang des Thüringer Waldes feiert ein bunt gemischt wirkendes Publikum und Kirner liest etwa aus seinem Roman “Leichter als Luft”. Kirner gibt sich in der Doku als gemäßigt und freiheitsliebend, hat allerdings in der Vergangenheit an antisemitischen und verschwörungsideologischen Mahnwachen für den Frieden teilgenommen (2014) und war 2019 in der engeren Führung der linken Organisation “Aufstehen”, welche die Gründung der Partei “Bündnis Sahra Wagenknecht” organisierte. Gemäßigt gibt sich in der Doku auch Hans-Georg Maaßen, der ehemalige Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV). Nach Angabe des Regisseurs Weinhart machte Maaßen zufällig an den Drehorten Wahlkampf und nimmt dann eine zentrale Rolle in der Doku ein. Er kandidierte für die “Liste Maaßen”, damals noch mit Unterstützung der CDU. Zwischenzeitlich ist er aus der CDU ausgetreten und hat die ultrakonservativen Partei “Werteunion” gegründet. Wir begleiten Maaßen auf Wahlkampfveranstaltungen und auch gemeinsam mit Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) und Ministerpräsidentin a.D. Christine Lieberknecht (CDU) auf einen Wandertag im Rennsteig, einem historischen Grenzweg im Thüringer Wald, Thüringer Schiefergebirge und Frankenwald. Das Teilen von Verschwörungstheorien, die Ermittlungen gegen Journalisten sowie die Nähe zu Corona-Leugnern und zur AfD werden dabei nicht thematisiert. Einige kritische Fragen darf sich höchstens Frenck gegen Ende des Films gefallen lassen. Weinhart stellte bereits vor der Aufführung in den Raum, dass der Film für viele schwer ertragbar sein könnte. Es scheint also eine bewusste Entscheidung zu sein, die kontroversen Figuren nicht einzuordnen. Das verwundert dann allerdings wenig, als Weinhart Verständnis für den “Rechtsrutsch” auf dem Thüringer Land aufgrund der teils in Gewalt ausgearteten Corona-Proteste zeigt. Die Doku hatte viel Potential und zeigt auch ein paar spannende Perspektiven auf, etwa derjenigen Anwohnerinnen und Anwohner, die sich für Inklusion und Zusammenhalt organisieren, dümpelt aber oft belanglos vor sich hin, wenn Ultrarechte oder Konservative erzählen, warum alle Andersdenkenden Unrecht haben.

Land der verlorenen Kinder (Regie: Juan Camilo Cruz, Marc Wiese) erzählt die Geschichte derjenigen Kinder, die von ihren Eltern in Venezuela zurückgelassen wurden und täglich um ihr Überleben kämpfen – gegen Hunger, kriminelle Gangs und willkürliche Polizeigewalt. Die Doku geht an die Substanz und behandelt explizite Darstellung von Gewalt und Tod von Neugeborenen. Der Film zeigt auf schonungslose Weise die Folgen von 20 Jahren an politischen Repressionen, Korruption und Missmanagement. Besonders beeindruckend ist wie Carolina, die selbst als Heranwachsende in Gangs aktiv war, in Maracaibo ein Kinderheim aufbaut – eine Oase inmitten der allgegenwärtigen Gewaltspirale. Die alleinerziehende Kiara macht sich auf nach Kolumbien, um ihren Töchtern ein besseres Leben zu ermöglichen. Zurecht prämiert, ist Land der verlorenen Kinder eine absolut sehenswerte Doku, die noch länger im Gedächtnis bleiben wird.

Preisträgerinnen und Preisträger

In zehn Kategorien wurden insgesamt Preisgelder in Höhe von 65.100 Euro vergeben. Hier sind alle Filme, die Preise abräumen konnten:

  • Johatsu – Into Thin Air (Regie: Andreas Hartmann & Arata Mori) – VIKTOR DOK.international Main Competition
  • Zwischen uns Gott (Regie: Rebecca Hirneise) – VIKTOR DOK.deutsch Wettbewerb
  • Kamay (Regie: Ilyas Yourish & Shahrokh Bikaran) – VIKTOR DOK.horizonte Competition – Cinema of Urgency
  • Exile Never Ends (Regie: Bahar Bektaş) – FFF-Förderpreis Dokumentarfilm
  • Hausnummer Null (Regie: Lilith Kugler) – megaherz Student Award
  • Jenseits von Schuld (Regie: Katharina Köster und Katrin Nemec) – kinokino Publikumspreis, gestiftet von BR und 3sat
  • My Stolen Planet (Komposition: Atena Eshtiaghi, Regie und Autor: Farahnaz Sharifi) – Deutscher Dokumentarfilm-Musikpreis
  • Kix (Editing: Yaël Bitton und Károly Szalai, Regie: Bálint Révész und Dávid Mikulán) – DOK.edit Award – presented by Adobe
  • Land der verlorenen Kinder (Produzent: Oliver Stoltz, Regie: Juan Camilo Cruz und Marc Wiese) – VFF Dokumentarfilm-Produktionspreis
  • A New Kind Of Wilderness (Regisseurin: Silje Evensmo Jacobsen) – DOK.fest Preis der SOS-Kinderdörfer weltweit

 

Das DOK.fest München gewährte uns Zugang zur Veranstaltung. Die Fotos wurden vom DOK.fest München zur Verfügung gestellt.