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Im Test: Actual Sunlight – ein Adventure über Depressionen

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Actual Sunlight ist ein Videospiel über Depressionen. Davon gibt es nicht viele, dieses Adventure regt zum Nachdenken an, verfällt aber zu oft in Stereotypen.

Actual Sunlight ist ein 2D-Adventure für den PC und die PlayStation Vita. Das berühmt berüchtigte 1-Mann-Projekt von Will O’Neill mit zusätzlichen Zuarbeiten von anderen Künstlern. Doch das Thema ist gänzlich anders als bei den meisten Games. Es gibt keinen strahlenden Held, es gibt nur Evan Winter.

Evan Winter ist ein Mit-30er, der in einem Marketing-Beratungsunternehmen für Politiker und andere Spitzenkräfte fungiert. Das klingt bereits interessant. Ab dem ersten Moment wird klar: Dieses Spiel wird kein fröhliches. In Textboxen wird Evans innerer Monolog das Spiel über vermittelt. Mal stellt er sich eine Psychiatersitzung, mal ein Interview mit ihm in einer Late Night-Fernseshow vor, mal macht er einen geistigen Tagebucheintrag zu einem Thema, das ihn beschäftigt. Die Welt dreht sich ganz klar um ihn.

Ihr besucht unterschiedliche Locations wie seine Wohnung, die aus zwei Bildschirmen besteht, den Bus auf der Weg zur Arbeit und die Arbeitsstelle an sich inklusive Pausenraum. Recht viel mehr gibt es in Actual Sunlight nicht zu erkunden, außer vielleicht mal den Außenbereich des Appartementgebäudes oder den lokalen Supermarkt. Actual Sunlight ist eine narrative Erfahrung und daher ziemlich linear. Euch bleibt im Grunde nur eine Wahl und die ist im Lift des Appartementgebäudes angesiedelt: Geht ihr runter zur Straße, um zur Arbeit zu gehen, oder geht ihr auf’s Dach um davon runterzuspringen.

Evan leidet an Depressionen. Die Texte, die seinen innerern Monolog darstellen, sind sehr negativ gefärbt. Nur selten blitzt ein Schimmer von Hoffnung hervor, später dreht sich die Spirale immer weiter und es gibt – ohne zu viel zu verraten – auch nicht mehr viele Handlungsmöglichkeiten. Ab und an spricht Evan auch mit anderen, wie der Kollegin Tori, die er insgeheim anhimmelt oder der ebenfalls kranken anderen Kollegin, doch auch hier fruchtet nichts, denn Evan ist leider einfach zu stereotypisch gehalten. Er ist dick, spricht wenig mit anderen, spielt Videospiele zu Hause und hat sich von seiner Familie abgeschottet.

Klar sind viele Elemente davon sinnbildlich für diese Krankheit, zuweilen wirken alle Figuren in Actual Sunlight aber mehr als Karikaturen. Evans kumpelhafter Kollege steigt bald zu seinem Boss auf. Schon bald entwickelt dieser eine Arschloch-Attitüde und lässt Evan ebenfalls fallen. Man hört kurz etwas über seinen Bruder, aber Evan lässt sogar diesen nach außen hin schlecht darstehen. Viele der Aussagen, die Evan trifft, sind jene die an Depression leiden ebenfalls machen würden. Die Gedanken drehen sich etwas im Kreis, es wird alles schwarz gesehen und lichte Momente sind rar. Selbst die Limo-Verkäuferin vor seinem Appartementgebäude bedenkt Evan mit einem sehr negativen inneren Monolog. Die Gegenüber stehen dann nur da und wundern sich, wo Evan diesmal hin mit seinen Gedanken ist – das Walter Mitty-Syndrom.

Ein paar lichte Momente hätten dem Spiel trotz der schwerwiegenden Thematik sicherlich gut getan, denn die gibt es fast immer, auch wenn man an Depressionen leidet. Es gibt keinerlei Anzeichen, dass Evan in irgendeiner Weise Hilfe bekommen möchte oder sie jemals bekam. Etwa die Sequenz mit Tori ist im Nachgang doch mit einer ganz interessanten Wendung behaftet. Doch auch hier wird Evan nicht aktiv. Das macht sein Verhalten öfters wenig nachvollziehbar. Er hat natürlich alle modernen Geräte, die man haben kann, spielt aber trotzdem fast ausschließlich an Spielkonsolen. Was er genau im Job macht, erfahren wir nicht.

Außerordentlich stark ist eine Sequenz, in der die Spielwelt rot gefärbt ist und Evan durchdreht und seine Wohnung in Schutt und Asche legt. Auch das Ende ist in seiner Machart gut und passend zum gesamten 1-stündigen Spielverlauf. Doch Actual Sunlight hätte sicherlich noch etwas weniger karikativ an die Sache herangehen können, um das ernste Thema und die meiner Interpretation nach ernste Absicht des Entwicklers besser rüberzubringen.

Die Präsentation von Actual Sunlight gebührt hingegen ein Lob. Die Umgebungen sind im RPG Maker-Look detailreich gestaltet, jede Figur hat ein schön gezeichnetes Bildschirm-füllendes Porträt, die Musik passt stets zur aktuellen Situation. Allerdings wiederholt sie sich in sich zu oft und das Schreibmaschinen-artige Geräusch bei jeder Zeile an Dialog passt an sich gut zur trüben Stimmung, aber geht einem nach einer Viertelstunde spätestens gehörig auf die Nerven. Der Entwickler mag es als Stilmittel abtun, meiner Meinung nach hätte das Spiel auch genug Atmosphäre inne ohne dieses allgegenwärtige widerliche Geräusch.

 

Fazit

Actual Sunlight ist ein sehr kurz geratenes lineares 2D-Adventure, bei dem von Anfang an klar ist, hier gibt es wenig zu schmunzeln, aber auch eben eine sehr eintönige Sicht. Klar erwartet man hier keinen Comic Relief, aber das Spiel ist an manchen Stellen einfach zu karikativ, um es ernst nehmen zu können. Und das ist bei diesem Thema fatal. So bleibt Actual Sunlight eine interessante subjektive Erfahrung, mit der jeder selbst umgehen muss. Das Thema ist wichtig in Spielen auch einmal Gehör zu bekommen. Die Machart von Actual Sunlight ist technisch sauber, doch die Inhalte hinterlassen oft Logiklücken und schaffen weder einen zugänglichen Hauptcharakter – was bei der Thematik verständlich wäre -, noch eine kohärente Reise, die zu einem logischen Ende kommt. Ein Beispiel hierfür wäre The Beginner’s Guide (XTgamer-Playthrough), was in eine ähnliche Kerbe einschlägt. Hoffentlich ist beim nächsten Projekt also ein runderers Geschichts- und Spielerlebnis drin.

Actual Sunlight
Genre: Adventure
System: PS Vita (getestet), PC
Preis: 4,99 Euro (PSN & Steam)
Entwickler: Will O’Neill (kommerzielles Erstlingswerk)
Publisher: Will O’Neill

 

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