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Im Test: Rakuen

Raku­en bedeu­tet Para­dies auf japa­nisch. Das mini­ma­lis­tisch prä­sen­tier­te Spiel von Lau­ra Shi­giha­ra nimmt uns auf eine emo­tio­na­le Ach­ter­bahn­fahrt mit, zu der wir euch herz­lich nach­fol­gend ein­la­den.

Wir erle­ben Raku­en aus der Sicht eines Jun­gen, der sich auf einer Kran­ken­sta­ti­on befin­det. Der namen­lo­se Jun­ge hat nicht nur mit sei­nen eige­nen Dämo­nen zu kämp­fen, er befin­det sich zudem zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort. Hin­zu kom­men die tra­gi­schen Schick­sa­le der ande­ren Pati­en­ten, die wir lie­be­voll aus­ge­ar­bei­tet in fünf flie­ßend inein­an­der über­ge­hen­den Kapi­teln erle­ben dür­fen.

In Raku­en gibt es zwei Wel­ten. Die ver­meint­li­che Rea­li­tät und die Welt der Lee­b­le. Den Zugang zu der anders­ar­ti­gen Welt erhält der Jun­ge über glei­ßend wei­ße Türen. Lee­b­le sind klei­ne Nage­tier-arti­ge Geschöp­fe, die sich in der Vor­be­rei­tung auf das all­jähr­li­che Fest der Fal­len­den Ster­nen befin­den und ihr Ober­haupt Morizora aus dem Kran­ken­schlaf erwa­chen las­sen wol­len. Ihr trefft dort Geschöp­fe, die dem nament­li­chen und cha­rak­ter­li­chen Eben­bild von Pati­en­ten aus dem Kran­ken­haus ent­spre­chen. Selbst die absur­des­ten Eigen­schaf­ten wer­den über­nom­men: Näht Dani­el­le in der Kran­ken­haus-Lob­by etwa ger­ne Kuschel­tie­re für die jün­ge­ren Pati­en­ten, so hor­tet ihr Lee­b­le-Abbild aller­lei Kat­zen. Der grum­me­li­ge Tony ist ein äußerst mies gelaun­ter Bär. Und der psy­chisch kran­ke Kisa­bu­ro ent­spannt sich als Amphi­bi­en­we­sen im ört­li­chen Teich. Die Welt der Lee­b­le ist so lie­be­voll in Sze­ne gesetzt, dass sie uns an solch fan­tas­ti­sche Wel­ten wie aus The Legend of Zel­da: Minish Cap oder Stu­dio Ghi­b­li-Ani­ma­ti­ons­fil­me erin­nert füh­len.

Der Kon­trast der bei­den Wel­ten ist immens: Wäh­rend das Kran­ken­haus ein tris­tes bröck­li­ges Kon­strukt ist, erstrahlt die Welt der Lee­b­le in knal­li­gen Far­ben und lädt zu Ent­de­ckungs­tou­ren ein. Doch wer denkt, dass die Welt der Lee­b­le ein­zig von Fröh­lich­keit geprägt ist, hat die Rech­nung ohne die Schat­ten­we­sen Envoy gemacht, die es gilt durch gute Taten zurück zu drän­gen. Das Spiel erlaubt es euch in einer 2D-Per­spek­ti­ve im Sti­le von Klas­si­kern wie Earth­Bound oder RPG-Maker-Spie­len wie To The Moon die Spiel­welt frei zu erkun­den und alle Figu­ren anzu­spre­chen. Habt ihr das letzt­ge­nann­te Mach­werk von Kan Gao bereits gespielt, könnt ihr euch dar­auf ein­stel­len, was euch spie­le­risch und tonal erwar­tet. Kan gehört übri­gens auch zu der Hand voll Tes­tern, durch die das Spiel den jet­zi­gen Fein­schliff erhielt. Raku­en wur­de von Lau­ra Shi­giha­ra, der Kom­po­nis­tin des groß­ar­ti­gen Kla­vier-gepräg­ten Sound­tracks zu To The Moon in jah­re­lan­ger Arbeit ent­wi­ckelt. Sie küm­mer­te sich nicht nur um das Kon­zept und die Pro­gram­mie­rung, sie schrieb auch die Musik und sang die wun­der­vol­len Lie­der mit Unter­stüt­zung ande­rer Künst­ler ein. Die­se Stü­cke erklin­gen in den emo­tio­na­len Rück­blen­den, die die Enden jedes Kapi­tels dar­stel­len und ste­hen der fan­tas­ti­schen Hin­ter­grund­mu­sik, die uns noch lan­ge im Ohr blei­ben wird, in nichts nach. Wir hof­fen auf die Ver­öf­fent­li­chung einer phy­si­schen Edi­ti­on des Sound­tracks.

Raku­en nimmt uns wie ein­gangs erwähnt auf eine emo­tio­na­le Ach­ter­bahn­fahrt mit, reißt vie­le ernst­haf­te The­men an und lässt dabei über­ra­schend wenig Fra­gen offen. Dabei schafft es Lau­ra, unend­lich trau­ri­ge Momen­te wür­de­voll zu insze­nie­ren und durch char­man­te Komik auf­zu­lo­ckern. Die Ver­ar­bei­tung des Ver­lus­tes von gelieb­ten Men­schen ist ein zen­tra­les The­ma im Spiel und dar­auf soll­te man sich ver­su­chen ein­zu­las­sen, damit das Spiel sei­ne Magie ent­fal­ten kann. Sel­ten hat uns ein Spiel in sei­ner vol­ler Gän­ze so oft zum Auf­la­chen und Wei­nen gebracht, wie Raku­en. Das liegt maß­geb­lich an der Tat­sa­che, dass man sich bei der Ent­wick­lung auf das Kern­ele­ment kon­zen­triert hat: eine kom­ple­xe mensch­li­che Geschich­te mit aller­lei Hand­lungs­äs­ten wür­de­voll und nach­voll­zieh­bar zu insze­nie­ren. Es gibt kei­ne Ent­schei­dungs­frei­heit, kei­ne aus­ufern­den Rol­len­spiel­ele­men­te, kei­ne Mini­spie­le und kein nutz­lo­ses Sam­meln von Gegen­stän­den. Es ent­steht zumin­dest die Illu­si­on, dass jede Per­son und jedes Item eine Bedeu­tung hat. So gibt es in Raku­en sam­mel­ba­re Objek­te, die wir anfangs aus lang­jäh­ri­ger Video­spiel­erfah­rung her­aus blind ein­sam­meln. Spä­ter wird uns offen­bart, dass wir die­se Gegen­stän­de in der neu gebau­ten Pati­en­ten­lounge plat­zie­ren kön­nen und so einen Raum vol­ler fri­scher Erin­ne­run­gen an die ein­zel­nen klei­nen Geschich­ten kre­ieren – eine tol­le Idee.

Die bei­den Wel­ten sind nicht nur in der Geschich­te mit­ein­an­der ver­wo­ben, son­dern auch spie­le­risch. Wäs­sern wir die Topf­pflan­ze der schüch­ter­nen Pati­en­tin Sue, so kön­nen wir in der Par­al­lel­welt die von Scha­fen bevöl­ker­ten Wol­ken bestei­gen. Pum­pen wir das Was­ser in der Kran­ken­sta­ti­on ab, offen­ba­ren sich plötz­lich neue Wege in der Welt der Lee­b­le. Zusätz­lich zur ver­meint­li­chen Rea­li­tät und der Lee­b­le-Welt gibt es eine Alb­traum-Ebe­ne, in der die Zeit still zu ste­hen scheint und wir diver­se Rät­sel, die mit rea­ler Geschich­te ver­bun­den sind, zu lösen haben. Die­se rei­chen von Schal­ter­rät­seln bis zum Ent­schlüs­seln von Codes. Sie for­dern den Spie­ler nicht nur auf geis­ti­ger Ebe­ne, sie sind ähn­lich anders­welt­lich insze­niert, wie die Gescheh­nis­se in den Black and White Lod­ges in der bald zurück keh­ren­den TV-Serie Twin Peaks.

Wir haben Raku­en nun schon mehr­fach mit To The Moon in Ver­bin­dung gebracht. Bei­de Spie­le haben einen ähn­li­chen Look, erzäh­len tra­gi­sche Geschich­ten und wer­den in Rück­blen­den erzählt. Da hören die Gemein­sam­kei­ten auch auf. Wäh­rend ihr in To The Moon größ­ten­teils Dia­lo­ge lest, eröff­net sich die kom­plet­te Geschich­te mit Offen­le­gung und Ver­än­de­rung der Spiel­welt. Raku­en ist von Rät­seln geprägt: Ob das das Ser­vie­ren des rich­ti­gen Tees ist oder ver­schie­den-far­bi­ge Schal­ter in die rich­ti­ge Posi­ti­on zu brin­gen. In To The Moon hat die­ses Ele­ment Sel­ten­heits­wert. Die Musik von Raku­en ist modern, ohne dabei auf Chip­tu­ne zurück­zu­grei­fen, und von Strei­chern geprägt. In To The Moon schmei­chel­ten hin­ge­gen Kla­vier­stü­cke dem Gehör­gang des Spie­lers. Es han­delt sich daher um im Detail sehr unter­schied­li­che Spie­le in ver­gleich­bar hoher Qua­li­tät.

Ein­zi­ger Wer­muts­trop­fen von Raku­en ist, dass wir gern noch län­ger in die­ser fan­ta­sie­vol­len Welt ver­brin­gen wol­len. Von Schmie­din Jacky hät­ten wir ger­ne noch wei­te­re Hilfs­mit­tel her­stel­len las­sen, um die Lee­b­le-Welt zu erkun­den und neue inter­es­san­te Wesen zu tref­fen.

Das komplette Spiel im Let’s Play

wir empfehlen es selbst zu spielen, mit diesem Steam Code: EEQPD-ILBG6-V5C6K

Fazit

Die alte Dis­kus­si­on, ob ein soge­nann­ter Wal­king Simu­la­tor ein Video­spiel oder ein inter­ak­ti­ver Film ist, mögen wir gar nicht erst wie­der auf­flam­men las­sen. Man soll­te Raku­en an der Visi­on sei­ner Schöp­fe­rin mes­sen und nicht an ande­ren Spie­len mit ähn­li­cher Optik, aber ande­rem Spiel­prin­zip. Es ist ein sechs- bis acht-stün­di­ger Aus­flug in eine fan­tas­ti­sche Welt, in dem man nicht nur bes­tens unter­hal­ten wird, man wird zum Nach­den­ken ange­regt und lernt etwas über ein dunk­les Kapi­tel unse­rer Geschich­te, das sich erst jüngst abge­spielt und bis in die Zukunft weit­rei­chen­de Fol­gen für uns haben wird. Dabei schlägt das Spiel kei­nes­falls beleh­ren­de Töne an, es gibt Ein­bli­cke in die Gefühls­welt von schlimms­ten Schick­sa­len, die einem sonst ver­wehrt blei­ben. Dabei hält man eine gesun­de emo­tio­na­le Balan­ce und wird in der Dar­stel­lung nicht dras­tisch, son­dern prä­sen­tiert das Gesche­hen in wür­de­vol­ler Ele­ganz. Wir kön­nen euch, wenn ihr eine packen­de dra­ma­ti­sche Geschich­te mit sym­pa­thi­schen Figu­ren unter­malt von einem groß­ar­ti­gen Sound­track erle­ben wollt, Raku­en wärms­tens ans Herz legen. Wir war­ten der­weil im Her­zen des Bau­mes auf wei­te­re Aben­teu­er in der para­die­si­schen Welt von Raku­en und freu­en uns auch an ande­rer Stel­le in die­sem Jahr das Para­dies zu finden.

Raku­en
Gen­re: Action-Adven­ture
Sys­te­me: PC (Cross-Buy mit Mac)
Preis: ca. 10 Euro (Steam)
Ent­wick­ler: Lau­ra Shi­giha­ra
Publisher: Lau­ra Shi­giha­ra

This game was pro­vi­ded by the publisher for review pur­po­ses, check our review poli­cy for details.

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One comment
  1. Exxoz Zockt

    Hmm scha­de wohl 2 Gramm zu spät 😀 Ach­ja die guten alten Zei­ten mit den Japa­no RPGs… als ich die Gra­fik sah muss­te ich so auto­ma­tisch an Secret of mana usw. den­ken ^^

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