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Kolumne

Kolumne: Der Niedergang Telltales

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Ob ihr nun Story-basierte Adventures mögt oder nicht, sollte euch Telltale Games ein Begriff sein. Das auf die Entwicklung von Point-and-Click-Adventures spezialisierte Studio wurde erst mit einem Experiment, das sich als enorm erfolgreich herausstellen würde, populär.

Diese Kolumne stammt aus der Feder von Francesco. Dies ist die deutsche Übersetzung dieser Kolumne.

Die Rede ist natürlich von der ersten Staffel von The Walking Dead: Die emotionale Geschichte von Lee Everett und Clementine, deren Werdegang erst starten sollte, wird für immer einen Platz in den Herzen von Spielern aus der ganzen Welt einnehmen. Grund dafür ist die großartige Erzähltechnik und den Einfluss auf Adventurespiele. The Walking Dead hat unbestreitbar die öffentliche Wahrnehmung von Adventures verändert. Telltale Games war keine unbedeutende Firma mehr und wurde von der Konkurrenz beobachtet und bewundert. Andere Spiele wurden von Telltales Werken inspiriert. Dieser Erfolg führte vermutlich schlussendlich zum Niedergang Telltales. Solltet ihr die vergangenen Wochen nicht unter einem Stein gelebt haben, habt ihr gewiss von Folgendem gehört: Telltale Games macht dicht. Ihre in der Entwicklung befindlichen Projekte (The Wolf Among Us 2 und Stranger Things) wurden eingestellt und das auf das Minimum reduzierte Personal arbeitet ausschließlich an dem Minecraft-Projekt für Netflix, um ihre vertragliche Verpflichtungen zu erfüllen. Doch wie kam es dazu? Wie konnte ein größtenteils geschätztes Studio wie Telltale Games dazu gezwungen werden die Pforten zu schließen, nachdem sie einen so großen Einfluss auf die Entwicklung von Videospielen genommen haben? Lasst uns nachfolgend in Ruhe ihren Werdegang analysieren.

Telltale war eine Firma, die oft auf die Marken anderer Firmen angewiesen war, um auf diesen aufzubauen, doch sie waren auch risiko-, experimentierfreudig und offen für neue Ideen. Habt ihr etwa von den Puzzle Agent-Spielen gehört? Das habe ich auch nicht erwartet. Hierbei handelt es sich ohne große Überraschungen um Puzzlespiele, die allerdings sehr humorvoll sind. Nicht gerade bahnbrechend, doch sie haben ihren Charme. Oder wie könnte man je die Point-and-Click-Adventures Sam & Max vergessen? Zugegebenermaßen gab es auch die ein oder anderen Fehltritte in Telltales Historie, die von vielen Menschen gerne verdrängt werden (Erinnert ihr euch auch noch an ihr Jurassic Park-Spiel? Ich auch nicht, bis zum Verfassen dieses Artikels), doch überwiegend galten sie als großartiges einzigartiges Team, die wiederwillig von allen anderen insgeheim verehrt wurden. Wie bereits erwähnt wurde daraufhin ihr The Walking Dead-Spiel veröffentlicht und es eroberte die Welt im Sturm. Dieser Moment stellte sich als Wendepunkt für Telltale Games heraus. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Belegschaft klar, dass diese Spiele ihre Zukunft sein würden – Jackpot! Sie müssten sich lediglich hierauf spezialisieren und mit der Entwicklung dieser Art von Spielen würde nichts schiefgehen können, nicht wahr? Direkt auf The Walking Dead folgte The Wolf Among Us. Auch wenn der Titel neu erscheint, so basiert es ebenfalls auf einer bereits existierenden Marke, einem Comic namens Fables. Ich empfehle euch ganz nebenbei das mal zu lesen. Das Spiel wurde von allen, die es gespielt haben, heißgeliebt, doch in den Verkaufszahlen schlug sich das nicht wieder. Dies ist wieder ein Wendepunkt in Telltale Games Geschichte. Lasst uns ihre ersten beiden Spiele, die auf der neuen Formel basierten, analysieren: Beide sind beliebt, nur einer der Titel verkaufte sich gut. Wollt ihr wissen warum? Die Idee hinter dem Spiel war nicht nur innovativ, es basierte zusätzlich auf einer, damals wie heute, sehr beliebten TV-Serie. Ich weiß, dass das Spiel allem voran von den Comics inspiriert wurde, doch darum soll es hier nicht gehen. Der Titel The Wolf Among Us hatte keinen Wiedererkennungswert und als Grundlage für das Spiel diente nicht eine zugkräftige Marke, sondern der allgemein recht unbekannte Comic Fables. Und ab da ging es für Telltale abwärts, meine ich.

Der Schlüssel zum Erfolg lag direkt in ihrem Schoß, warum haben sie ihn nicht gesehen? Man muss sich nicht eine Marke nach der anderen sichern, nur weil man dazu in der Lage ist. Das Augenmerk sollte auf die beliebten gerichtet werden und schon kann man den Geldhahn nicht mehr abdrehen. Das ist einfach, brillant und effizient. So in etwa stelle ich mir die Gedanken vor, die dem Führungspersonal von TTG durch die Köpfe schwirrten. Unweigerlich folgte nach The Wolf Among Us, ihr habt es bestimmt bereits erraten, The Walking Dead: Season Two erschien. Dem im Grunde gute Spiel fehlte die Hochglanzpolitur, die dem ersten Teil spendiert wurde. Die Konzepte und Charaktere aus dem ersten Teil trafen auf eine vergleichsweise schwächere Handlung. Das Spiel verkaufte sich trotzdem gut genug, um The Walking Dead zu Telltales bekanntester Marke werden zu lassen. Behaltet diesen Gedanken im Hinterkopf, ich komme später darauf zurück. Daraufhin wurde Tales from the Borderlands veröffentlicht. Es fing den Humor und Geist von Borderlands in perfekter Weise ein und erzählte in alter Telltale-Tradition eine interessante Geschichte. Die richtige Formel wurde gefunden, so schien es, doch das Ziel war wohl weiterhin, den großartigen Erfolg von The Walking Dead zu wiederholen. Erinnert ihr euch daran, dass ich meinte, dass es auf einer sehr beliebten TV-Serie basierte? In Retrospektive, welche war die beliebteste Serie, deren Ausgang jeder herbeisehnte? Ganz genau, das war Game of Thrones (GoT). Und Telltale musste sich GoT einfach schnappen und daraus ein Spiel machen. Das Potenzial war da, dass muss man eingestehen. Gleichzeitig ist es wenig überraschend, dass sich so wenige Menschen an dieses Spiel zurückerinnern. Insgesamt war es eine Enttäuschung und die Story war ein Durcheinander. Auch wenn ihr wichtige Entscheidungen fällen musstet, war das Muster dahinter sehr offensichtlich und solltet ihr doch einmal versuchen, etwas zu verändern, verliert die Handlung an Sinnhaftigkeit und fällt auseinander. Insgesamt hat Telltale mit GoT meiner Meinung nach ihre bislang größte Chance vergeudet. Der Erfolgs der TV-Serie verschaffte weder dem Spiel noch der Vorlage einen Vorteil und wappnete Telltale nicht vor dem, was sich noch ereignen würde.

Die Idee hinter den Telltale-Spielen wurde langsam langweilig, zu einem Meme und das Motto „deine Entscheidungen sind wichtig“ stellte sich für viele Spieler als das heraus, was es war: eine Lüge. Größtenteils waren eure Entscheidungen nicht von großem Belang. Die Geschichte wurde bereits auf Papier niedergeschrieben, auf schwarz und weiß, und ein paar Veränderungen hier und da machten am Ende keinen Unterschied. Gamer wurden gegenüber der Art von Telltale Spiele zu entwickeln skeptisch. Minecrat: Story Mode feierte große Erfolge und das trotz der Tatsache, dass es sich nicht für etwas anderes ausgab als es war, wie es in den anderen Spielen der Fall war. Noch dazu ging es in eine ganz andere Richtung als Telltales bisherige Produkte. Dieser Erfolg führte zu einem Deal mit Neflix, der anders ausging als erwartet. Doch ich greife vor, also lasst uns einen Schritt zurück treten. Die Entwicklung von Minecraft: Story Mode erforderte alle Ressourcen, die Telltale in 2015 hatte. Das stellte sich als Problem heraus. Waschechte Zocker interessierten sich doch nicht für Minecraft. Für sie sollte Telltale zu den Wurzeln zurückkehren, genauer gesagt, zu The Walking Dead. Wir befinden uns im Jahr 2016 und hier begann Telltale auseinanderzubrechen. Die Spiele enttäuschten und die Verkaufszahlen waren rückläufig. The Walking Dead: Michonne war ein Ableger der beliebten Serie und konnte sich nicht wirklich in die Serie einfügen, da es sich auf einen bestimmten Charakter aus der TV-Serie beschränkte. Ironischerweise fand das bei Fans kaum Anklang. Die Anhänger wollten mehr von Clementine und interessierten sich nicht für die eigentliche Serie. Das Spiel war an sich auch nicht gerade gut. Batman: The Telltale Series war zwar besser als GoT (keine Glanzleistung), verschenkte jedoch viel Potenzial und enttäuschte die Fans. Das Batman-Universum bietet noch so viel mehr und daher war eine zweite Staffel nicht in weiter Ferne – Batman: The Enemy Within war geboren. Dazu später mehr. Ihr letztes Spiel des Jahres war die langerwartete dritte Staffel von The Walking Dead mit dem Untertitel A New Frontier (ganz genau, 2 Spiele in einem Jahr). Viele meinen, dass diese Staffel Telltale das Genick gebrochen hat. Ich neige dazu dem zuzustimmen, doch im Grunde lieferte es der Firma den endgültigen Todesstoß. Telltale Games befand sich schon seit geraumer Zeit in einem unbeständigen Fahrwasser.

Ist euch in Erinnerung geblieben, dass Gamer sich nicht für Michonne interessierten, weil sie mehr Clementine wollten? Das haben sie in Staffel 3 bekommen, doch mit einem Haken: Ihre Geschichte verlief im Sande und sie agierte lediglich als unterstützender Charakter. Es wurde deutlich gemacht, dass ihr Wiederkehren ausschließlich zur Befriedigung der Fans erfolgte und die Entwickler etwas neues erschaffen wollten. Ironie des Schicksals: Die Fans wurden nur noch wütender. Jetzt sind wir beinahe am Ende von Telltales Reise angelangt. Guardians of the Galaxy verdeutlichte einmal mehr die Probleme des Studios und dass man sich nicht ausschließlich auf die Nutzung einer bekannten Marke verlassen kann. Minecraft: Story Mode Season 2 erweiterte den Horizont der ersten Staffel und verfolgte andere Ziele, als die üblichen Telltale-Spiele. Bei der Entwicklung der zweiten Staffel von Batman hörte Telltale endlich auf ihre Fans. Je nachdem, welche Entscheidungen ihr trefft, formt ihr den späteren Joker. Am Ende ist nur eine Entscheidung wirklich wichtig, doch die Illusion, dass eure Taten Folgen haben, funktioniert so gut wie in der ersten Staffel von The Walking Dead. Die Geschichte wurde brillant geschrieben und gut ausgeführt und insgesamt ist das Spiel für mich ein wahres Wunder, besonders im Anbetracht der ersten Staffel und was noch kommen sollte… Telltale kündigte auf Drängen der Fans die Rückkehr von Bigby Wolf in Wolf Among Us 2 im Jahr 2018 an. Danach wurde es auf 2019 verschoben. Das war der erste Warnhinweis, den wir ignoriert haben. 2018 kam und die erste Folge der letzten Staffel von The Walking Dead wurde veröffentlicht. Die Vorzeichen waren großartig und es zeigte, dass sie an ihren Problemen arbeiteten: eine Rückkehr zu ihrer großartigen Erzähltechnik, fantastische schauspielerische Leistungen und die Vermittlung des Gefühls, dass man wirklich über das Schicksals AJs entscheiden würde. In Batman fühlte man sich für den in der originalen Geschichte ärgsten Feind des Dunklen Rächers verantwortlich, hier sorgt man sich außerordentlich um die Zukunft eines kleinen Kinds in einer apokalyptischen Welt. Das funktionierte gut. Und wir sind in der Gegenwart angelangt.

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Beinahe die komplette Belegschaft von Telltale Games wurde entlassen und die übrig gebliebenen konzentrieren sich auf die vereinbarte Fertigstellung von Minecraft: Story Mode für Netflix. Danach wird Telltale endgültig die Pforten schließen. Das bedeutete zunächst auch, dass es nach der Veröffentlichung von Episode 2 von The Walking Dead: Die letzte Staffel keine weiteren Folgen geben wird. Der Season Pass wurde aus dem Steam-Store entfernt und ist dort nicht mehr erhältlich. Telltale verlautbarte an einer Lösung zu arbeiten, um die verbliebenen Episoden mithilfe von Partnern zu liefern. Und hier wird es unappetitlich. So gern ich, wie viele, den Abschluss von Clementines Geschichte sehen möchte, darf das nicht auf Kosten von Tritten in den Hintern der Entwickler passieren. Telltale schickte ihre Mitarbeiter wohl unbezahlt in den Urlaub und zahlte ihnen nach der Entlassung keinerlei Abfindung. Und jetzt wollen sie das Spiel gemeinsam mit Partnern fertigstellen? Nicht cool, Telltale. Gar nicht cool. Insgesamt ist das ein firmenpolitisches Desaster. Es ist traurig, dass eine ehemals tolle Firma auf solche Weise abdankt und ich wünsche den ehemaligen Entwicklern und Synchronsprechern das Beste für ihre Zukunft. Sie verdienen es. Was auch immer mit dieser letzten Staffel passiert, ich bin mir sicher, dass Clementine ein solches Ende nicht verdiente. Sie hatte es nicht verdient, dass ihre Geschichte für immer mit einem solchen Desaster in Verbindung gebracht werden wird.

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