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Im Test: Westworld Awakening – VR-Reise zur Eigenwahrnehmung

Westworld Awakening ermöglicht es Serienfans, den futuristischen vermeintlichen Vergnügungspark aus der Sicht eines sogenannten Hosts zu erleben und das auch noch in VR.

I’ve always loved a good story.

Heute Abend können sich Anhänger der TV-Serie Westworld über das Finale der dritten Staffel freuen. Grund genug für uns, einen Blick auf den VR-Titel Westworld Awakening zu werfen. Westworld Awakening spielt während der zweiten Staffel. Ihr erlebt die Geschehnisse aus der Sicht von Kate Wesson. Allmählich erwacht sie buchstäblich aus ihren Loops und erkennt, dass sie Gefangene in einem Vergnügungspark für Menschen ist. Ein Host ist ein menschenähnlicher Roboter mit fest vorgegebenen Wesenszügen und Pfaden, doch die Gründer von Westworld – Dr. Robert Ford und Arnold Weber – haben den Maschinen Reverie-Codes mitgegeben. Hierdurch erinnern sie sich an vergangene Ereignisse. Kate realisiert langsam, dass sie immer wieder als Mordopfer für billige Unterhaltung herhalten muss und entscheidet sich dazu, ihr Schicksal selbst bestimmen zu wollen.

Obwohl die Geschehnisse fest einer Epoche innerhalb der HBO-Serie zuzuordnen ist, erzählt Westworld Awakening eine ganz eigenständige Story und kaut nicht Altbekanntes aus der Vorlage wieder. Im Wesentlichen dreht sich alles um Kate und ihre Beziehung zu Hank Harper. Der Sweetwater Slasher sucht Kate immer wieder heim, um sich für die Ermordung seiner Familie zu rächen. Doch 30 Jahre zuvor sah die Beziehung zwischen den beiden gänzlich anders aus, wie wir im Laufe des Spiels erfahren, ohne zu viel zu verraten. Verglichen mit der Vorlage verfolgt das Spiel einer klaren Storyline und erzählt nicht mehrere Handlungsstränge auf einmal. Das mag Serienfans enttäuschen, doch wir können die Intention sich auf eine Geschichte zu fokussieren nachvollziehen.

I choose to see the beauty. To believe there is an order to our days, a purpose.

Westworld Awakening erzählt die gesamte Geschichte aus der Ego-Perspektive. Das macht Sinn, schließlich sind wir dank VR-Brille – in unserem Fall mit einer Oculus Rift – mittendrin im Geschehen. Wir erkunden entweder eine Fülle von Schauplätzen und klopfen sie nach Hinweisen ab oder verstecken uns vor Hank, und bereiten derweil unsere Flucht vor. Dabei scannen wir Terminals und manipulieren die Gefühle und Gedanken von anderen Hosts mit unserem omnipräsenten Tablet (Maeve lässt grüßen), unterbrechen Stromkreise und setzen Schalter ein. Damit uns Hank nicht entdeckt, verbringen wir die meiste Zeit unter Tischen. Die KI ist dabei sehr vorhersehbar und so hat man schnell durchschaut, in welchem Rhythmus man seine Aufgaben erledigen kann, ohne von dem Slasher gesehen zu werden. Hinzu kommt, dass man jederzeit das Tablet dazu verwenden kann, um die aktuelle Position von Hank durch Wände hindurch auszumachen. Aufgrund der tollen Inszenierung kommt trotzdem oft Spannung und manchmal gar Horroratmosphäre auf, doch dazu später mehr.

Die Aufgaben an sich fühlen sich oft statisch und repetitiv an. Das passt zwar zum Setting und Westworld Awakening spielt die Idee der Loops auch konsequent und gelungen aus. Als wir nach einigen Spielstunden aber wieder die immer gleichen Aufgaben erledigen, setzen so langsam Ermüdungserscheinungen ein. Optionale Rätselräume lockern das lineare Spielerlebnis auf.
Im Laufe der 5 Kapitel umspannenden circa 5-stündigen Kampagne reisen wir sowohl an neue als auch altbekannte Schauplätze, wie die Villa von Kates Großonkel, das Mesa (die Hauptverwaltung des Delos-Konzerns, der Westworld betreibt), geheime Kelleranlagen und auch die Serverfarm CR4-DL darf nicht fehlen. Alle Schauplätze sind detailliert gestaltet. Wir durchstreifen etwa eine ältere Version von Sweetwater und erkunden dabei auch den bekannten Saloon. In der Mesa lesen wir auf Terminals immer wieder Referenzen zu Serienereignissen und -charakteren und der ein oder andere Host aus der Serie bekommt sogar ein Cameo spendiert. Aus Spoilergründen erfahrt ihr von uns natürlich nicht, um wen es dort genau geht.

Hell is empty and all the devils are here.

Westworld Awakening schafft es immer wieder eine beklemmende Atmosphäre aufzubauen, z. B. als wir durch die leeren Gänge der in blaues Licht getauchten Versuchslabors der Mesa laufen und erste Blutlachen entdecken, nur um wenig später von Hank überrascht zu werden und uns fortan Tisch für Tisch zum rettenden Ausgang vorzuarbeiten begleitet von der aus der Serie bekannten Musik und Kates lautem Herzschlag, sobald uns der Sweetwater Slasher gefährlich nah kommt. Ebenfalls imposant ist, als wir uns den Weg durch die riesigen Serverhallen bahnen oder im Kontrollraum Details über Kates Vergangenheit erfahren. Vermutlich wollten Jonathan Nolan und Lisa Joy weiterhin die kreative Kontrolle über ihre Charaktere haben und so musste Survios mit eigenen Charakteren arbeiten. Ein Cameo von Anthony Hopkins wäre etwa großartig für Serienanhänger, aber wahrscheinlich unbezahlbar für Survios. Und wie Fans reagieren, wenn man bekannte Figuren auch nur visuell gegenüber ihrer Vorlage verändert, sieht man am aktuellen Avengers-Spiel.

Auch ohne direkte Einbeziehung bekannter Seriencharaktere versprüht Awakening an jeder Ecke Westworld-Atmosphäre, besonders zur Mitte und gegen Ende hin. Dazu trägt auch die großartige Qualität der verpflichteten englischsprachigen Synchronsprecher bei, allen voran Brina Palencia als Kate und Noshir Dalal als Hank. Kate gelingt es allein durch ihre Stimme ihre Charakterentwicklung im Laufe des Spiels nachvollziehbar zu vermitteln und Hanks üble ins Ohr gehauchte Sprüche werden uns noch lange in Träumen verfolgen. Das Spiel verfügt über deutsche Untertitel.

It doesn’t look like anything to me.

Technisch macht Westworld Awakening eine gute Figur. Auf unserem oberen Mittelklassesystem hatten wir besonders in der Mesa mit Rucklern zu kämpfen. In der Villa hingegen lief alles wunderbar flüssig. Die Charaktere überzeugen mit guter Mimik und flüssigen Animationen, einige Bereiche wie Sweetwater wurden hingegen etwas karger und detailärmer gestaltet. Die stimmungsvolle Beleuchtung sorgt hingegen für einige schaurig schöne Momente.

Fazit

Westworld Awakening macht endlich das ohnehin unglaublich von Videospielen inspirierte Westworld-Universum auf eine interaktive Weise erlebbar. Die Charaktere überzeugen mit einer nachvollziehbaren Entwicklung und gut geschriebenen Dialogen und spielerisch setzt man zwar keinesfalls neue Maßstäbe, setzt aber die wenigen Spielelemente solide um. Ob Westworld Awakening zwingend ein Spiel sein musste, das man nur in der Virtuellen Realität erleben kann, bezweifeln wir. Diese Anforderung steigert die Hardwareauslastung und verkleinert die Zielgruppe. Zugegebenermaßen zieht einen Westworld Awakening nach einer leicht repetitiven Anfangsphase wohl auch durch den VR-Aspekt in seinen Bann und hat besonders für Serienfans einiges zu bieten. Solltet ihr mit Westworld allerdings gar nichts am Hut – den ihr übrigens jederzeit aufziehen könnt – haben, könnt ihr der Story von Awakening zwar glücklicherweise problemlos folgen, verpasst aber wohl einige Referenzen und Aha-Momente. Verglichen mit Intruders: Hide and Seek etwa ist Westworld Awakening auf dem Jahrmarkt der Psycho-Thriller eine laue Fahrt mit dem Karussell und treibt den Puls vergleichsweise wenig nach oben. Wir haben unsere Zeit mit dem Spiel trotzdem genossen und hoffen auf mehr Umsetzungen dieses interessanten Universums, außerhalb von zeitfressenden austauschbaren Apps wie dem kürzlich eingestellten Mobile-Game.

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