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Im Test: The Suicide of Rachel Foster

The Suicide of Rachel Foster handelt von einer menschlichen Tragödie, deren Auswirkungen auf die Umgebung und von der Aufarbeitung dieses Traumas.

Die Ereignisse in The Suicide of Rachel Foster beginnen mit der Ankunft von Nicole Wilson im Jahr 1993 in dem abgelegenen Hotel aus dem Familienbesitz in Helena, Montana. Sie kehrt dabei aus ihrem geschäftigen Leben in Portland zurück. Grund dafür ist ein Brief, den sie nach dem Tod ihrer Mutter Claire erhalten hat, in dem sie Nicole bittet das Hotel zu verkaufen. Bevor das Anwesen veräußert werden kann ist es erforderlich, dass Nicole es auf etwaige Schäden inspiziert. Der Plan ist, dass sie sich dort mit ihrem Anwalt trifft und das Gebäude begutachtet. Doch es kommt gänzlich anders: Nicole wird eingeschneit und ist auf die Hilfe eines geheimnisvollen FEMA-Agenten angewiesen.

Um das Schicksal dieser Familie und die Historie des Hotels zu verstehen, müssen wir zehn Jahre früher ansetzen. An dem Tag eines entscheidenden Hockey-Matches von Tochter Nicole hat Leonard eine Affäre mit der 16-jährigen Rachel Foster. Daraufhin bringt sich das junge Mädchen um und Leonards Ehefrau Claire flüchtet mit Nicole nach Portland. In den verschneiten Gipfeln Montanas versucht Nicole nach dem Ableben ihres Vaters den Suizid Rachels aufzuklären und ihre tragische Vergangenheit nach jahrzehntelanger Verdrängung aufzuarbeiten. The Suicide of Rachel Foster behandelt sensible Themen wie Suizid und die Liebe eines Erwachsenen mit einer Minderjährigen und sorgt damit von Grund auf nicht für Wohlbefinden. Das Spiel verzichtet auf eine plakative Darstellung, doch Zartbesaitete sollten das Spiel mit Vorsicht genießen.

Das verlassene entlegene Hotel erinnert inmitten des Blizzards an das Overlook Hotel in dem Horrorfilm-Klassiker The Shining und in seiner gleichermaßen gemütlichen landlebigen wie beunruhigenden gruseligen Atmosphäre auch an das Great Northern Hotel in Twin Peaks. Das Anwesen wurde aufwändig gestaltet und begrüßt uns nach Ankunft in der Garage mit einem kleinen Museum, in dem Kletterutensilien aus den vergangenen Hunderten von Jahren ausgestellt werden. Die Lobby und die riesigen Ball- und Speisesäle beeindrucken mit Holzvertäfelungen, doch spätestens im zweiten Stock zeigt sich, dass das Hotel bessere Tage gesehen hat. Die Tapeten bröckeln ab und durch die fehlenden Fenster hat sich Schimmel gebildet.

Der zentrale Dreh- und Angelpunkt des Hotels ist die Master Suite, in denen Nicole gemeinsam mit ihren Eltern gewohnt hat. Ihr Zimmer wurde von ihrem Vater bis zu seinem Ableben lediglich gesäubert, aber unversehrt gelassen. Dieses Zimmer ist voll von Memorabilia – Hockey-Trophäen, Bilder, Poster von Nicoles Lieblingsbands und nicht zuletzt ihr Bass. Spätestens jetzt erinnert sich Nicole nicht nur an längst vergessene Tage, sondern sich auch der Spieler, dass er ähnliches in Spielen wie Gone Home oder Life Is Strange erlebt hat. Schade dabei ist, dass wir nur mit wenigen Gegenständen interagieren und kleine Geschichten hören können und nicht einfach das Mix Tape in den Kasettenrecorder legen und anhören können.

Nicole ist mit ihrem vorsintflutlichen Handy ab sofort in stetem Kontakt mit Irving. Er arbeitet für die nationale Koordinationsstelle der Vereinigten Staaten für Katastrophenhilfe FEMA und will sie emotional auf ihre Reise in die Vergangenheit unterstützen. Die kesse dickköpfige Nicole will das zunächst nicht zulassen, einer der Höhepunkte von The Suicide of Rachel Foster ist allerdings das sich allmählich entwickelnde Wechselspiel zwischen den beiden. Das ist keine revolutionäre Idee, schließlich hat Campo Santo auf ein ähnliches Konzept in Firewatch gesetzt, in dem wir den Yellowstone-Nationalpark im Jahr 1988 erkundet haben, das schmälert jedoch nicht im Geringsten den Unterhaltungswert der gut geschriebenen Wortwechsel. Oftmals stehen uns sogar mehrere Dialogoptionen offen. Sie wirken sich hingegen weder auf die aktuelle Konversation noch auf den Ausgang der Geschichte aus. Manche der Plottwists kann man bereits erahnen, uns haben sie manchmal doch überrascht, besonders als aus dem gediegenen Streifzug durch das Hotel mehr wird und man damit beginnt, das Erlebte zu hinterfragen. Das Spiel kann auf zwei unterschiedliche Weisen enden. Die Entscheidung darüber erfolgt buchstäblich mit einem Mausklick. Das Ende scheint dabei etwas zu überhastet zu sein, passt aber durchaus in das Story-Konzept.

Wir dürfen das Hotel frei erkunden, doch einige Bereiche werden erst im Laufe des Spiels zugänglich gemacht. The Suicide of Rachel Foster besteht größtenteils darin, sich in dem verwinkelten Hotel von A nach B zu bewegen und Ziele zu erfüllen, wie die alten Öfen im Kellergewölbe anzuschmeißen um heiß duschen zu können oder etwas Essbares in der Vorratskammer zu finden. Nicoles nächster Bestimmungsort ergibt sich meist aus Hinweisen oder Gesprächen, er kann aber oftmals auch in Form einer Notiz im Pausenmenü eingesehen werden. Darin ist auch eine Übersichtskarte des Hotels enthalten, allerdings ist euer aktueller Standort nicht eingezeichnet. Ein großes Lob gebührt den Leveldesignern, da man sich schnell auch ohne Zuhilfenahme der Karte in dem Anwesen zurechtfindet. Nicole stehen im Laufe des Spiels unterschiedliche Gadgets zur Verfügung, darunter eine mit einem Dynamo betriebene Taschenlampe, eine Polaroid-Kamera und ein weiterer Gegenstand, den wir aus Spoiler-Gründen nicht nennen. Das sorgt für spielerische Abwechslung, doch aus der Interaktion mit diesen Hilfsmitteln hätten die römischen Entwickler von One-O-One Games (VR Ping Pong Pro) mehr machen können. Die enthaltenen Rätsel sind meist selbsterklärend und schnell gelöst.

The Suicide of Rachel Foster kreiert mit geschicktem Einsatz von Soundeffekten, Musik und Dialogen eine angespannte Atmosphäre. Auf platte Jump-Scares wird glücklicherweise verzichtet. Besonders das binaurales Audiodesign – die räumliche Ortung von Geräuschen – macht sich bezahlt, wird allerdings wie die Gadgets zu wenig eingesetzt. Nicht nur die Qualität der Dialoge, sondern auch deren Umsetzung durch die englischen Synchronsprecher sind maßgeblich dafür verantwortlich, warum wir das Spiel weiterspielen wollen. Aus technischer Sicht ist das Spiel solide. Die Grafik ist hübsch, Texturen sehen allerdings manchmal matschig aus. Ein nicht deaktivierbarer Motion Blur-Effekt lässt die Umgebung oftmals unnötigerweise verschwimmen. Framerateeinbrüche haben wir auf unserem Mittelklasse-PC nicht erlebt. Kurios: Im Testlauf sorgte ein Soundbug dafür, dass wir kontinuierlich ein Geräusch hörten, obwohl die Protagonistin Irving am Telefon sogar buchstäblich erzählt, sie könne es nicht mehr wahrnehmen. Darüber hinaus haben wir keine technischen Mängel feststellen können.

Fazit

The Suicide of Rachel Foster erzählt eine bis zum Ende spannende Geschichte und enthält eine starke Protagonistin, glaubwürdige Dialogen und punktet mit einer schaurig-schönen Atmosphäre. In der kurzen Spielzeit von drei bis vier Stunden gibt es keine Längen, allerdings würde das Material mehr hergeben. Der Thriller revolutioniert das Genre der Walking-Simulatoren nicht und schöpft sein spielerisches Potential nicht vollkommen aus, bietet allerdings grundsolide Unterhaltung für Fans von narrativen Erlebnissen wie Firewatch, Gone Home, The Vanishing of Ethan Carter und What Remains of Edith Finch.

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