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Test

Im Test: Shenmue I & II

Geschlagene 17 Jahre nach der Erstveröffentlichung für SEGAs Dremcast kehrt Ryo Hazuki in Shenmue I & II auf aktuelle Systeme zurück. Wie gut seine Abenteuer gealtert sind und ob sich das Remaster lohnt, klären wir in unserem Test.

Shenmue I & II erschienen Ende 2000 bzw. 2001 in Europa und spielten die exorbitanten Produktionskosten nicht ein. Für viele sind Yū Suzukis Shenmue-Spiele der Inbegriff des goldenen Zeitalters von SEGA. Da Shenmue III nun endgültig am 27. August 2019 erscheinen soll, legt SEGA die Klassiker für PC, PlayStation 4 und Xbox One neu auf. Wir haben die Sammlung auf der PlayStation 4 Pro getestet.

Story

In Shenmue schlüpft ihr in die Rolle von Ryo Hazuki. Es ist der 29. November 1986 in Yokosuka und Ryos Vater wird vom chinesischen Martial Artist Lan Di umgebracht. Ryo schwört Rache und sammelt im ersten Teil Hinweise auf den Verbleib des mysteriösen Attentäters. Zwei ominöse Spiegel spielen tragende Rollen in der Geschichte. Auf seiner Reise wird er von zahlreichen Charakteren unterstützt, darunter seine Freundin seit Kindheitstagen Nozomi, dem stylischen US-Amerikaner Tom und dem Industriemagnaten Meister Chen. Ryo bewegt sich in Shenmue I nicht ein einziges Mal aus seiner Komfortzone in Yokosuka heraus. Die Stadt besteht aus dem kleinen Bergviertel Yamanose, wo sich die Hazuki-Residenz befindet, dem Stadtkern Dobuita mit allerlei Geschäften, Bars und sogar einer Spielhalle auf einer halbrunden Straße und dem weitläufigen Hafengelände namens New Yokosuka Harbor District.

Die Handlung von Shenmue I ist geradlinig und kommt ohne spektakuläre Wendungen aus. Im Laufe der Zeit baut man zu Charakteren wie Ryos geheimer Liebe Nozomi oder dem liebenswürdigen Studenten der Hazuki-Residenz Fukuhara Bindungen auf und investiert sich emotional. Bösewichter wie Lan Dis Handlanger Chai, ein Assassine mit dem Charme eines Goblins, und der abgebrühte Mad Angels-Anführer Terry Ryan wirken hingegen relativ eindimensional. Lediglich Lan Dis Motive lassen sich im Laufe der Geschichte nachvollziehen. Die Dialoge zählen nicht gerade zu den Stärken Shenmues. Um zum nächsten Schauplatz zu gelangen und in der Story voranzuschreiten, spult Ryo ständig die gleichen Sätze ab. Gibt es doch einmal ausführlichere Gespräche, sind wir mehr von den fortschrittlichen Kamerafahrten beeindruckt als vom eigentlichen Inhalte der Unterhaltungen.

Shenmue II setzt direkt am Ende des ersten Teils an. Ryo verschlägt es auf der Suche nach Lan Di nach Hongkong. Die Sprachbarriere stellt ihn überraschenderweise vor keine Probleme und auch dort trifft er eine Reihe schillernder Figuren, darunter die junge Bikerin Joy, den beinharten Heavens Gang-Anführer Ren und Tai Chi-Meisterin Tao. In Shenmue II ist eine wesentlich größere Anzahl an Charakteren enthalten im Vergleich zum ersten Teil, allerdings ist die Screentime sehr wechselhaft. Tao bekommt einen großen Teil des Spiels gewidmet und wurde mit einer spannenden Hintergrundgeschichte versehen, über Joy erfahren wir hingegen wenig. Die flachen Charaktere der Schurken fallen auch hier wieder auf, etwa der hirnlose Kraftprotz Dou Niu, welcher die Gang Yellow Heads anführt. Spannend: Den goldmaskierten und schultergepolsterten silberfarbenen Master Baihu sollen wir nach einer kleinen Rolle in Shenmue II noch einmal wieder sehen.

Im Gegensatz zum ersten Shenmue führt Teil 2 Ryo an wesentlich abwechslungsreichere Schauplätze. Allein Hongkong scheint größer zu sein als Yokosuka und bietet mit einem noch riesigeren Hafenbereich und zahlreichen auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Bewohner zugeschnittenen Vierteln deutlich mehr zu entdecken. Im Laufe von Shenmue II erkundet Ryo auch noch das Festland und stößt immer Tiefer ins Landesinnere Chinas vor, ohne zu viel Vorweg zu nehmen.

Gameplay

Shenmue I & II sind Action-Adventures mit Fokus auf Story. Außerhalb der Zwischensequenzen erkundet Ryo die oben genannten Schauplätze zu Fuß und erwehrt sich den lokalen Ganoven im Kampf mit Schlägen, Tritten und Würfen. Das Kampfsystem ist wesentlich komplexer als es zu Beginn den Anschein macht. Unterschiedliche Trainer bringen euch zahlreiche Moves bei, die besonders gegen Zwischengegner praktisch sind und in Trainigssitzungen immer weiter perfektioniert werden können. Zum Meistern der einzelnen Kombos muss man sie stupide ständig wiederholen und das über einen langen Zeitraum hinweg. Erst dann sind sie im Kampf auch richtig effektiv. Da Ryo allerdings tagtäglich einen immer enger werdenden Terminkalender pflegt, bleibt sehr wenig Zeit zu trainieren und man greift am Ende dann doch auf Standardkombos zurück. Während die Kämpfe gegen die Ganoven auf der Straße viel zu leicht sind und sie nach wenigen Tritten schon am Boden liegen und sich daraufhin in Luft auflösen, stellen die Zwischengegner meist eine gute Herausforderung dar. Der Endkampf von Shenmue I ist allerdings so unnötig schwer und mühsam, dass man den Spaß an den Kämpfen zunichte macht. Das hat man glücklicherweise in Shenmue II geändert: Kämpfe gegen Zwischen- und Endbosse sind knackiger und Kampfarenen lassen euch stetig eure Kampfkünste verbessern.

Beide Spiele verfügen über einen dynamischen Tag- und Nachtwechsel. Da Ryo auf seiner Reise eine Menge Zaster benötigt, nimmt er Teilzeitjobs an. In Shenmue I muss er täglich als Vorarbeiter am Hafen schuften. Seine Aufgabe ist es, mit einem Gabelstapler Kisten von A nach B und später auch von B nach C zu bringen. Da wir ständig die gleiche Tätigkeit wiederholen, ist das Gabelstaplerfahren zurecht nicht gerade als bestes Minigame aller Zeiten in die Videospielanalen eingegangen. Noch dazu nervt, dass der Hafen von unzerstörbaren Steinmenschen bevölkert ist, die ihre tägliche Rout verfolgen, komme was wolle. Das Rennen zwischen allen Hafenarbeitern zu Tagesanbruch und die unterschiedlichen Arbeitsrouten bringen aber doch etwas Abwechslung in den öden Hafenalltag. Außerhalb davon kann sich Ryo in Dobuita in der You Arcade mit SEGA-Klassikern wie Afterburner und Hang On, einer Runde Billard, Glücksspiele oder an 3-gewinnt-Spielautomaten die Zeit vertreiben. Das ist im Vergleich zu SEGAs moderner Umsetzung des Shenmue-Spielprinzips in den Yakuza-Spielen nicht gerade viel, im Anbetracht des Erscheinungsjahres aber durchaus ansehnlich. In Shenmue II findet sich eine größere Bandbreite an Nebenaktivitäten: Neben den oben genannten Kampfarenen gibt es auch analoge Varianten von Pachinko. Hier dürft ihr auch auf die Gegenseite wechseln und müsst euch in einer Auswahl an Teilzeitjobs euer Geld verdienen. Kisten werden diesmal mit Muskelkraft transportiert und zwar per Quick-Time-Events – schneller vorbei als die Gabelstapler-Hafenrallyes, dafür etwas nervenaufreibender.

SEGA hat es versäumt dem Spieler in Shenmue I die Möglichkeit zu geben, die Zeit vorzuspulen, um wichtige Storyereignisse auszulösen und so im Game voranzuschreiten. Selbst im Remaster ist diese Funktion nicht vorhanden. Erst in Shenmue II machte der japanische Videospielgigant dies möglich. So entstehen beim Spiel frappierende Situationen: Mehrere Male mussten wir die Konsole für eine halbe Stunde stehen lassen, damit im Spiel endlich die Uhrzeit erreicht ist, zu der wieder etwas im Rahmen der Haupthandlung passiert.

Man hat es ebenfalls nicht für notwendig erachtet, die Bedienung zu überarbeiten und so läuft Ryo bei der Steuerung mit Analog-Stick wie eine Kuhe auf dem Eis. Tipp: Spielt mit dem digitalen Steuerkreuz und schon eckt ihr in Treppenhäusern nicht in 100 Prozent der Fälle ständig an der Wand an. Auch die Interaktionsmenüs, die plötzlich links oben aufpoppen und mit dem Steuerkreuz direkt ausgelöst werden, sorgen für einige Frustmomente, da man sich oftmals unvermittelt für das Falsche entscheidet, weil man vom Menü überrumpelt wird. Ein Großteil beider Spiele besteht auch aus cineastisch inszenierten Jagd- und Fluchtsequenzen sowie Überquerungen von engen Balken, in denen wir per Knopfdruck ausweichen oder Ereignisse auslösen müssen. Erst gegen Ende von Shenmue II ist SEGA wohl aufgefallen, dass der dabei erklingende Sound nervtötend ist und nach knapp 40 Spielstunden bekommt man einen angenehmeren Ton zu hören. Top: Diese Quick-Time-Events können bei Fehlschlägen in der Regel direkt wiederholt werden und sie werfen euch nicht zur letzten manuellen Sicherung zurück – der einzige Zeitpunkt, in dem Shenmue I & II automatisch speichert. Solche Sequenzen bringen Abwechslung, allerdings werden sie am Ende des Hongkong-Abschnitts zu oft eingesetzt und nutzen sich dort ab.

Zu den Verbesserungen des Remasters zählen, dass wir nach dem Aufwachen direkt wieder zum am Vortag zuletzt besuchten Schauplatz zurückkehren können und uns die besonders in Hongkong teils irrsinnig langen Laufwege ersparen können. Eine ständig verfügbare Schnellreisefunktion ist indes nicht vorhanden. Darüber hinaus dürfen wir frei speichern, ein Novum! Bislang durfte man lediglich am derzeitigen Schlafplatz den Spielstand sichern. Ganze zehn Spielstände stehen uns zur Verfügung. In visueller Hinsicht dürfen wir jederzeit zwischen Originalgrafik und überarbeiteten Texturen sowie zwischen dem ursprünglichen 4:3- und dem üblichen 16:9-Seitenverhältnis wechseln. Zur Qualität der technischen Umsetzung kommen wir allerdings erst nachfolgend.

Technik

Shenmue I & II ist technisch aus der Zeit gefallen. In Dialogen stechen die ausdruckslosen Gesichter der Charaktere ins Auge und während dem Spielen fallen die niedrig aufgelösten Umgebungen auf. Zwar wurde die Texturschärfe für das Remaster verbessert und das Seitenformat während des Spielens und in manchen Zwischensequenzen ohne Stauchen in 16:9 verbreitert, hübsch ist das Spiel mit seinen klobigen hölzern animierten Charakteren und der niedrigen Sichtweite nicht. Noch dazu werden viele der Storyfilme in 4:3 oder in 16: 9 mit Balken rund um das Bild dargestellt. Im Zeitalter von 4K und aufwendigen Remakes ist die gebotene Präsentation in 1080p30 eine Enttäuschung. Top: Die langen Ladesequenzen des Dreamcast-Originals sind passé. Zwar gibt es noch häufig Ladebildschirme beim Wechseln von einzelnen Vierteln, diese nehmen aber nur wenige Sekunden in Anspruch. Die Bildwiederholungsrate bleibt größtenteils flüssig. Beide Spiele sind bei uns das ein oder andere Mal abgestürzt. Ohne Autospeichern sorgt das für Frust und das muss mehrere Monate nach Veröffentlichung im Jahr 2018 wahrhaftig nicht sein. Ab und an produzierte das Spiel Grafikfehler, etwa dass unser aktueller Kontostand über den Zwischensequenzen prangerte.

Die englische und japanische Sprachausgabe der Originalspiele wurden in das Remaster übernommen. Im Westen ist diese Wahlmöglichkeit ein begrüßenswertes Novum. Während die japanischen Sprecher ihre Rollen mit viel Gefühl verkörpern, klingen die englischen Stimmen oft monoton und fast gelangweilt. Die Stimmen klingen aufgrund des geringen Speicherplatzes auf den Dreamcast-Disks ausgesprochen dumpf. Durch das Remaster kommt man hierzulande erstmals in den Genuss von deutschen Bildschirmtexten und Untertiteln. Die Übersetzung ist größtenteils gelungen und fängt den Ton gut ein, der ein oder anderen Übersetzungsfehler hat sich jedoch eingeschlichen. Der großartige Soundtrack ist in beiden Spielen zu großen Teilen für die stimmige Atmosphäre verantwortlich.

Damit man eine Vorstellung davon bekommt, was technisch aus einem vollständigen bereits in der Entwicklung gewesenen Remake von Shenmue I & II im Vergleich zu dem Remaster, das wir bekommen haben, hätte werden können, sollte man sich die von unseren britischen Kollegen von Eurogamer geleakten Bewegtbilder ansehen. Beide Versionen wurden übrigens vom gleichen britischen Studio namens D3T entwickelt. SEGA sagte dazu, dass man den Spielern die Originalerfahrung der Klassiker vermitteln wollte. Wir sagen: Quatsch. Mit Yakuza Kiwami 1 und 2 (XTgamer-Test) haben sie bewiesen, dass Remakes von veralteten Action-Adventures Sinn und Spaß machen. Kämpfe hätte man dynamischer machen und vorhandene Features wie Karten der Spielgebiete oder den Foto-Modus hätte man überarbeiten und wie in Yakuza gratis ohne müßigem Geldfarmen verfügbar machen bzw. mit einer Selfie-Funktion ausstatten können. So ist Shenmue I & II auf der PS4 Pro aus technischer Sicht lediglich eine leicht modernisierte Version der Originale.

Video: 2 Stunden Shenmue I auf der PS4 Pro

Fazit

Die Umsetzung von Shenmue I & II für aktuelle Systeme bietet die Möglichkeit, sich auf das Finale von Ryo Hazukis Reise in Shenmue III vorzubereiten, enttäuscht allerdings in vielen Belangen. Spielerisch und technisch sind beide Spiele nicht mehr zeitgemäß und erfordern Geduld und Eingewöhnungszeit. Lässt man sich auf das langsame Spieltempo, die unpräzise Steuerung, monströse Laufwege und im Falle von Shenmue I auch noch auf Wartezeiten ein, taucht man nach ein paar Spielstunden völlig in ein emotionales Abenteuer voller liebenswürdiger Charaktere und stimmungsvoll inszenierter Schauplätze ab. Die Reihe bietet einen guten Einblick in die asiatische Kultur der 80er und die Videospielkultur Anfang des Jahrtausends, den man sonst kaum in aktuellen Veröffentlichungen und auf den derzeitigen System erhalten kann. Die Zielgruppe für Shenmue I & II mag nicht die größte sein, doch SEGA bietet mit dieser Sammlung die Möglichkeit, zwei Klassiker und Vorreiter des cineastisch inszenierten Storytellings in Videospielen zu erleben.

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