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Test

Im Test: Red Dead Redemption 2

Im XTgamer-Test erfahrt ihr wie sich das Western-Epos Red Dead Redemption 2 im Vergleich zum populären Vorgänger schlägt.

Im Mai 2010 eroberte Rockstar Games mit ihrem ersten Open-World-Spiel in einem Western-Szenario die Herzen der Spieler weltweit. John Marstons Rachefeldzug gegen seine ehemalige Bande wird seither als Paradebeispiel für Storytelling in Videospielen angeführt, auch wenn das Action-Adventure technisch wie spielerisch nicht frei von Fehlern war (unser dreiteiliger 4K-Film zu Red Dead Redemption steht in Kürze vollständig auf YouTube zur Verfügung). Der für die Grand Theft Auto (GTA)-Serie bekannte Entwickler und Hersteller entschied sich dazu, in Red Dead Redemption 2 die Vorgeschichte des ersten Teils zu erzählen und tritt damit in große Fußstapfen.

Story

Wir schreiben das Jahr 1899. Die van der Linde-Bande macht den amerikanischen Südwesten unsicher, doch ihr Coup in Blackwater, West Elizabeth, geht schief und die Gang sieht sich gezwungen in den eisigen Norden, die sogenannten Grizzlies, zu flüchten. Die Bande ist von Krankheit, Trauer und Paranoia geplagt. Wir schlüpfen in die Rolle von Arthur Morgan. Arthur befindet sich in seinen späten 30ern und reitet schon seit 20 Jahren mit dem Anführer der Gruppe, Dutch van der Linde. Im Laufe der Hauptgeschichte von Red Dead Redemption 2 erleben wir die Reise der van der Linde-Bande von den frostigen Grizzlies über die milden Heartlands bis hin zu den Sümpfen Lemoynes.

Die erzählerische Perspektive in Red Dead Redemption 2 unterscheidet sich maßgeblich von der des Vorgängers. Während man in Red Dead Redemption, das im Jahr 1911 angesiedelt ist, stets John Marstons Sicht der Dinge erlebte, tritt der Hauptcharakter des zweiten Teils eher in den Hintergrund. Das Schicksal der Bande ist es, was die Story in Red Dead Redemption 2 vorantreibt. Wir rauben mit den anderen Mitgliedern der Gang Banken und Züge aus, befreien sie aus dem Gefängnis, bekämpfen mit ihnen die verfeindeten O’Driscolls, sitzen mit ihnen gemütlich am Lagerfeuer oder reiten mit ihnen singend in die Stadt, um sie auszukundschaften. Zu der Bande zählen neben Morgan und Marston unter anderem auch der liebenswerte faule Uncle, die Mutter der Gruppe Miss Grimshaw und der unberechenbare Micah. Wer sich die Zeit nimmt im Lage zu verweilen, erfährt so einiges über die einzelnen Figuren, auch über Arthur selbst, dem auch eine tragische Liebesgeschichte zuteil wird.

Sowohl in der Hauptstory als auch in den zahlreichen Nebengeschichten erfahren wir von den tragischen Schicksalen in der Epoche, in der der Wilde Westen endet und die Zivilisation zahlreiche Menschenleben radikal verändert. In der Kleinstadt Rhodes, die Teil des Louisiana nachempfundenen Staates Lemoyne ist, herrschen die Bauernfamilien Gray und Braithwaite vor. Während die eine Familie schon seit ewigen Zeiten dort angesiedelt ist und respektiert wird, mischt die andere das Geschehen mit skrupellosen Taten auf. Inmitten dieser Fede verlieben sich zwei junge Menschen. Penelope und Beau sind im Zwist ihrer Familien gefangen. Sex gibt es unterdessen nicht. Trotz einer USK 18-Freigabe verzichtet Rockstar Games auf Bettszenen, ganz im Gegensatz zu Spielen mit ähnlicher erwachsener Ausrichtung wie The Witcher 3: Wild Hunt. An anderer Stelle treiben wir als Arthur einmal mehr Geld für den österreichischen Finanzier der Bande Leopold Strauss ein. Da er nicht zahlen kann, entwenden wir den Schuldner seinem Heim und überstellen ihm den Behörden, um das auf ihn ausgesetzte Kopfgeld zu kassieren. Jahre später treffen wir auf Witwe und Sohn und können versuchen den immensen Schaden wiedergutzumachen.

Red Dead Redemption 2 erstreckt sich über acht Jahre. Gemeinsam mit dem Protagonisten Arthur und dem Rest der van der Linde-Bande durchleben wir die volle Bandbreite der Emotionen, von der Hoffnung auf einen Neuanfang bis hin zum dramatischen Ende und erleben ein wahres Epos. Wir erleben auch hautnah, wie der Anführer der Bande Dutch van der Linde langsam der Paranoia verfällt. Darauf muss man sich aber auch einlassen, denn Story-Sequenzen nehmen einen Großteil des Spiels ein. Wurde Red Dead Redemption noch maßgeblich von klassischen Spaghetti-Western wie Leones Für eine Handvoll Dollar oder Eastwoods Ein Fremder ohne Namen – man erinnere sich an Marstons Betreten von Chuparosa – beeinflusst, kann man die Inspirationsquellen von Red Dead Redemption 2 klar auf Post-Western wie Dominiks Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford oder Tarantinos Django Unchained zurückführen. Lässt man sich auf das Erzähltempo ein, entfaltet sich eine in einem Videospiel noch nie dagewesene Western-Atmosphäre, die einen bis zum Ende an den Fernseher bannt.

Der ausladende zweiteilige Epilog von Red Dead Redemption 2 sucht in aktuellen Videospielen seinesgleichen. Selten hat ein Prequel, also ein Spiel das die Vorgeschichte erzählt, ein befriedigenderes Ende gehabt als dieses Rockstar-Spiel.

Gameplay

In Red Dead Redemption 2 hält man an der bewährten Formel des Vorgängers fest, ruht sich jedoch nicht darauf aus, sondern entwickelt diese konsequent weiter. Während das Spiel euch in den ersten Spielstunden in den verschneiten Bergen noch sehr an die Hand nimmt, öffnet sich mit dem Abstieg ins Tal die Spielwelt immer weiter. Konnte Rockstar Games in der PS2-Ära noch Spielgebiete mit zerstörten Brücken abschotten, ist das bei einem Hauptcharakter, der schwimmen kann, nicht mehr möglich. Stattdessen werdet ihr in diesen Bereichen von einer Unzahl an Gesetzeshütern empfangen.

Den Großteil des Spiels verbringt ihr auf dem Pferd. Pferde können diesmal in verschiedenen Bereichen verbessert werden. Steigert ihr eure Bindung zu eurem Pferd, in dem ihr es regelmäßig füttert, striegelt und streichelt, so verbessern sich Werte wie Beschleunigung, Geschwindigkeit und Gesundheit. Selbiges gilt für Schusswaffen und Arthurs Grundwerte Gesundheit, Ausdauer und Dead Eye. Letzteres erlaubt Arthur für kurze Zeit eine Zeitlupe zu aktivieren, um seine Ziele in aller Ruhe anzuvisieren. Im weiteren Spielverlauf werden im Dead Eye-Modus alá Sniper Elite einzelne Körperstellen wie Kopf und Herz in roter Farbe hervorgehoben, sowohl bei Menschen als auch bei Tieren. Die Werte steigert ihr durch Einsatz der jeweiligen Fertigkeiten, etwa häufiges Sprinten oder Schießen.

Zurück zum Pferd: Bereits hier offenbaren die acht Jahre, die seit Red Dead Redemption vergangen sind. Das Reitern ist in Red Dead Redemption 2 deutlich behäbiger als im ersten Teil, zwischen dem Galopp muss man zu Beginn häufig die Geschwindigkeit drosseln, um das Pferd nicht völlig auszulaugen. Das Reiten erfordert einiges an Eingewöhnung, besonders da der Galopp ohne zu viel Verlust an Ausdauer auch nach einigen Spielstunden noch eine Kunst für sich ist. Das realistischere Reiten sorgt auch gleichermaßen für Belustigung wie Frust. Unzählige Male ist es uns passiert, dass wir im Unterholz an Zweigen oder auf der Straße auch an anderen Charakteren hängen geblieben und spektakulär unsanft gelandet sind.

Der verstärkte Fokus auf Realismus setzt sich im Jagen fort. Auf Knopfdruck aktivieren wir Arthurs Talent Spuren zu lesen, pirschen uns dann an das Wildtier an und erlegen es mit Bogen, Karabiner oder Scharfschützengewehr – TheHunter lässt grüßen. In den sechs Staaten in Red Dead Redemption 2 sind mehrere Dutzend unterschiedliche Tierarten beheimatet und die einzelnen Tiere verfügen über eine Sternebewertung von eins bis drei. Zusätzlich können legendäre Bären, Pumas, Panther und Fische gejagt werden. Wir können das Tier, je nach Größe, im Ganzen mitnehmen und verkaufen, es häuten oder direkt kochen. Die örtlichen Trapper schneidern daraus Kostüme, die uns Boni verleihen. Schlimm: Treffen wir ein Tier lebensgefährlich, töten es aber nicht direkt, fällt es mit schmerzverzerrtem Gesicht und unter tosendem Geschrei zu Boden und blutet langsam aus, bis wir ihm den Gnadenstoß geben.

Das Lager ist das Herzstück des Spiels. Dort können wir nicht nur schlafen und kochen – das ist auch an einem jederzeit errichtbaren Lagerfeuer möglich -, sondern auch unsere Kleidung wechseln, mit Bill, Molly & Co. plauschen oder gegen sie Dominos oder Poker spielen. An Schlüsselpunkten in der Geschichte wird hier auch die Rückkehr von Charakteren gebührend gefeiert. Zahlreiche Lagerfeuerlieder haben sich im Laufe des Spiels tief in unsere Seele eingebrannt. Die Bande verfügt über eine eigene Kasse, die wir durch Abgaben regelmäßig aufbessern sollten, um die Stimmung hochzuhalten. Cool: Zahlen wir lange nichts ein, sprechen uns die Kollegen offen darauf an und behandelt uns mürrisch. Die Bande hat drei Bedürfnisse: Nahrung, Medizin und Munition. Alle drei Werte können durch Geldspenden verbessert werden. Darüber hinaus können wir unser erlegtes Wild auch im Ganzen unserem Schlachter Pearson überlassen.

Wir können die einzelnen Einrichtungen des Lagers auch verbessern. Das erfordert viel Geld und ist anfangs kaum erschwinglich. Wir empfehlen euch bei jedem Feuergefecht alle Gefallenen zu durchsuchen, da sie oft sündhaft teure Wertgegenstände bei sich haben. Rüsten wir Pearsons Schlachthof auf, bietet dieser immer neue Erzeugnisse an, die wir auch auf unsere Reisen mitnehmen dürfen. Spendieren wir dem dickbäuchigen Metzger ein Lederbearbeitungswerkzeug, bastelt er uns verbesserte Taschen, mit denen wir mehr Arznei oder Munition tragen können – sofern wir ihm bestimmte Tierfelle in perfektem Zustand bringen. Das bedeutet, die Tiere müssen über eine drei Sterne-Bewertung verfügen und mit der richtigen Waffe erlegt werden. Da man gerne den Überblick bei der Vielzahl an Tieren verliert, bietet das Spiel ein praktisches Kompendium, in dem alle entdeckten Arten aufgeführt werden.

Verbessern wir die Zelte von Dutch, Arthur & Co. verbessert sich die Moral und wir schalten die Möglichkeit frei, schnell zu einem entdeckten Ort zu reisen. Hierüber sowie durch den Erwerb von Zug- oder Kutschentickets könnt ihr die weiten Reisen per Knopfdruck komplett zu überspringen. Vorbei sind die Zeiten des Vorgängers, in denen wir mitten in der Prärie ein Lager aufgeschlagen haben und wenige Augenblicke später direkt am gewünschten Ziel angekommen sind. Einige Komfortfunktionen bietet das Spiel diesbezüglich hingegen doch. Setzen wir zuvor auf der Karte einen Wegpunkt, reiten los und schalten währenddessen in die Kinokamera, reitet Morgan eigenständig dorthin. Der Haken: Reiten wir in Normalgeschwindigkeit an, dauert diese Reise sehr lange. Setzen wir hingegen direkt zum Galopp an, geht dem Pferd früher oder später die Puste aus und es wirft uns entweder ab oder bleibt stehen.

Das Spiel wird häufig als Western-Simulation und nicht als Action-Spiel beschrieben. Die Wahrheit liegt wie so oft irgendwo dazwischen, denn in den Missionen wird nicht nur viel geritten, sondern auch viel geballert. Wie in Teil eins reitet man viel neben anderen Charakteren zum Zielgebiet, liefert sich dort packende Schießereien und sucht sich den nächsten Missionsgeber. Auch hier bietet Red Dead Redemption 2 eine angenehme Komfortfunktion: Aktivieren wir die Filmkamera, wird der Ritt nicht nur schön in Szene gesetzt, wir müssen auch nicht mehr selbständig steuern und nur noch die X- bzw. A-Taste gedrückt halten. Das sonst hohe Risiko, den Reiter des Nicht-Spieler-Charakters (NPC) zu berühren und damit den Dialog auf unangenehme Weise zu unterbrechen, geht damit gen null.

Rockstar Games verfügt bereits über eine große Bibliothek an entwickelten Spielen und viel Erfahrung im Missionsdesign und so gibt es einige Wiederkehrer-Missionen aus vorangehenden Rockstar-Spielen. Erinnert ihr euch an die Scientology-Parodie in GTA V? Etwas ähnliches gibt’s auch in Red Dead Redemption 2. Wie in GTA: San Andreas dürfen wir in Red Dead Redemption 2 eine Drogen-Plantage abfackeln. Dazwischen liefern wir uns mitreißende Feuergefechte gegen die schießwütigen Bauern. Das Kampfsystem wurde ebenfalls überarbeitet. Wir dürfen hinter beinahe jedem Objekt in Deckung gehen und so das Gefecht im Stile eines Deckungsshooters bestreiten. Die richtige Vorbereitung ist aber alles: Nehmen wir nicht auf Knopfdruck die jeweiligen Flinten runter von unserem Pferd, so stehen uns diese im Kampf nicht zur Verfügung. Bis zu zwei Gewehre und zwei Pistolen kann Arthur mit sich führen. Darüber hinaus greift er auf Dynamit, Wurfmesser und vieles mehr zurück. Diesmal darf der sogar mit zwei Pistolen gleichzeitig feuern. Auch die Körperhaltung spielt im Kampf eine große Rolle. Stehen oder laufen wir sogar, wackeln wir mit dem Karabiner so stark, dass ein genaues Anvisieren der Gegner unmöglich ist. So ergeben sich häufig statische Grabenkämpfe, genauso wie man sich das in dieser Epoche auch vorstellt.

Die Steuerung ist etwas komplexer geworden, was auch den der Mehrfachbelegung der Tasten liegt. Besonders die Bedienung des mit der Schultertasten aufrufbaren Waffenrads, in dem jetzt auch weitere Laschen für Gegenstände und Pferedeutensilien integriert wurden, benötigt viel Eingewöhnung. Alternativ kann man jederzeit auch die Tasche mit dem digitalen Steuerkreuz öffnen. Das Kämpfen per pedes ist etwas herausfordernder und spannender geworden, feuert man hingegen Schusswaffen vom Pferd aus ab, endet das meist im Chaos, da sich das Anvisieren sehr knifflig gestaltet. Anders sieht’s an den Zügeln von Kutschen aus: Feuert ihr nach hinten, folgen die Pferde automatisch dem Straßenverlauf.

War es im Vorgänger nur in ein bis zwei Missionen erforderlich zu schleichen, werden Leisetreter in Red Dead Redemption 2 deutlich mehr Freude haben. Die Levelarchitektur lädt häufig dazu ein, sich geduckt vorzubewegen und eher das Messer in den Rücken des Gegners zu rammen, als ihn frontal zu attackieren, was dazu führen würde, dass alle Wachen alarmiert werden würden. Schleichen klappt aber nur bedingt und so kommt es vor, dass das Spiel vorgibt, wann es zum großen lauten Shootout kommt, selbst wenn das leise Vorgehen hier effektiver und interessanter wäre.

Das Missionsdesign ist insgesamt recht abwechslungsreich und weniger geradlinig als im Vorgänger. Während der Missionen geben wir unseren NPC-Begleitern an vorgegebenen Punkten vor, wie sie sich zu verhalten haben und etwa die Vor- oder Nachhut mimen. In einer Mission gilt es einen Öltransport zu stoppen. Wir können entweder tagsüber den schwer bewachten Konvoi überfallen oder uns in der Nacht ins Lager schleichen und den Karren stehlen. Die actionreichen Missionen werden mit emotionalen Momenten aufgelockert. So bringen wir dem Nachwuchs etwa das Angeln bei oder erleben was starker Alkohol und ein guter Sinn für Humor bei zwei Revolerhelden anrichten kann.

Abseits der Story-Missionen treffen wir wieder auf sogenannte Fremde. Diese optionalen Missionen, die wir durch Erforschen der Spielwelt entdecken, waren ein Novum im ersten Red Dead Redemption und wurden seither in jedes Rockstar-Spiel eingebaut. Abgekoppelt von der Hauptgeschichte sammeln wir etwa Dinosaurierknochen für eine Archäologin, retten regelmäßig einen Naturfotografen davor von Alligatoren oder Wölfen zerfleischt zu werden und nehmen die Fährte eines Serienmörders auf. Die Liebe zum Detail ist auch in diesen Missionen spürbar und die hohe Qualität der Dialoge aus der Hauptgeschichte setzt sich hier fort.

In Red Dead Redemption 2 können wir auch zahlreiche Geschäfte und Örtlichkeiten besuchen. In den Theatern der Städte St. Denis und Blackwater finden regelmäßig Aufführungen statt, in denen Entertainer, Jongleure und Musikanten auf euch warten. Die Künstler können wir jederzeit per Knopfdruck bejubeln oder ausbuhen. In Kinos werden Stummfilme aufgeführt. In Ställen kaufen wir uns neue Pferde oder statten unsern Gaul mit einem neuen Sattel aus. Der Barbier verpasst uns eine neue Frisur oder stutzt unseren Bart. Keine Lust auf Jagen, Kochen und Looten, dann bieten Gemischtwarenläden jede Menge Nahrung, Pferdeutensilien, Kleidung und Waffen. Darüber hinaus kehren neben den bereits genannten die Minispiele Five Finger Fillet und Black Jack zurück. Das knifflige Hufeisenwerfen feiert keine Rückkehr.

Red Dead Redemption 2 bietet die Möglichkeit, mit jedem Charakter zu interagieren. Wir können ihn entweder grüßen, verbal attackieren oder ausrauben. Bereits nach wenigen Spielstunden wiederholen sich diese kleinen Austäusche hingegen und verlieren stetig an Bedeutung, auch wenn sie unser Karma geringfügig aufbessern. Durch gute Taten wie Spenden an blinde Bettler oder dem Transport von Verletzten in die nächstgelegene Stadt verlagert sich unser Wert auf einer Leiste weiter nach rechts in den hellen Bereich. Knallen wir hingegen Unschuldige ab, selbst bei einem Querschläger in einem Feuergefecht, geht dies massiv auf Kosten unseres Karmas. Das wirkt sich auf das Verhalten der NPCs euch gegenüber aus. Selbst wenn ihr euer Kopfgeld artig abbezahlt, das übrigens unerfreulicherweise auch im Rahmen von Story-Missionen auf euch ausgesetzt wird, erinnern sich die Einwohner einer Kleinstadt noch Wochen später an das von euch angerichtete Massaker. Zudem erhaltet ihr Vergünstigungen in Geschäften, wenn euer Ansehen gut ist. Hehler wiederum reduzieren ihre Preise für euch, falls ihr berüchtigt seid.

Wo wir gerade bei Kopfgeld waren: Das wird im Spiel zu schnell auf euch ausgesetzt. Knallt ihr aus Versehen in einen anderen Reiter, wird dieser gern schießwütig. Egal ob ihr flüchtet oder selbst die Waffe zückt, Kopfgeld ist quasi vorprogrammiert, da ihr bei Unfällen in der Regel nicht maskiert seid. Setzt ihr nämlich bei dem Beigehen von Straftaten maskiert, erkennen die Gesetzeshüter euch lediglich einige Augenblicke später, in denen ihr noch flüchten könnt. Jedenfalls werden bei Unglücken zu schnell von allen Umstehenden Revolver gezückt und ihr seid kurzerhand tot oder werdet gesucht. Um das Kopfgeld loszuwerden, könnt ihr es an Bahnhöfen begleichen oder euch der Polizei stellen und eine Nacht im Knast verbringen.

Schade: Am Ende des Spiels schalten wir ein neues Spielgebiet frei, das sehr leer ist und keinerlei Missionen bietet. Der Online-Modus Red Dead Online, der Ende des Monats starten soll, könnte hier für Abhilfe sorgen.

Noch ein Wort zur Spielzeit: Konnte man den Vorgänger noch in knapp 20 Stunden abschließen, könnt ihr für Teil zwei gerne das Dreifache veranschlagen. Wollt ihr jeden Winkel der enorm großen Spielwelt erkunden, alle Fremden-Missionen abschließen und alle Outfits freischalten, werdet ihr über 100 Stunden in Red Dead Redemption 2 verbringen.

Technik

Red Dead Redemption 2 ist eine technische Meisterleistung. Auf fünf Jahre alter Hardware bietet das Spiel eine Optik, die uns unzählige Male verblüfft vor dem Fernseher erstarren lassen hat. Mimik und Gestik von Charakteren sind ausdrucksstark, die Animationen sind butterweich und die Umgebungen sehen atemberaubend aus. Das liegt vor allem an der tollen Lichtstimmung. Ein Ritt durch die nebelverhangenen Sümpfe von Lemoyne als die Sonne durchblitzt, das Durchstreifen der dichten Wälder im erbarmungslosen Sonnenschein der Heartlands oder das erste Betreten der geschäftigten Großstadt St. Denis (Kopfsteinpflaster?!), Red Dead Redemption 2 strotzt vor optischen Aha-Momenten. Aufgrund der massiven Welt sieht nicht jeder Bereich gleich gut aus und im Detail ist so manches lineares Game sicher hübscher, eine schönere lebendigere offene Welt als in Red Dead Redemption 2 haben wir aber bislang nicht gesehen. NPCs kleben nicht an einem bestimmten Platz, sie haben teils auch wirkliche Tagesabläufe (wenn auch teils sehr ungewöhnliche). Zudem strotzt das Spiel vor Details wie enorm genauen Fuß- und Hufabdrücken in Schlamm und Schnee, musizierende NPCs und Kassierer, die ihr bei Überfällen verletzt, haben an den entsprechenden Körperstellen beim nächsten Besuch des Geschäfts Verbände angebracht.

Die Sichtweite ist in Anbetracht der Detailfülle beachtlich. Stellen wir uns auf einen Berg und genießen die Aussicht auf das Tal, ergeben sich nicht nur Postkartenmotive, wir können mit dem Fernglas sogar einzelne Reiter in der Ferne und Fische im Bach erspähen. Apropos Foto: Einen elaborierten Fotomodus gibt es per sé nicht, aber eine ingame-Kamera mit Selfie-Funktion ist trotzdem vorhanden. Trotz Darstellung von belebten Städten und einer reichhaltigen Flora und Fauna bleibt die Bildwiederholungsrate auf der PlayStation 4 Pro fast durchgehend flüssig. In wenigen großen Feuergefechten ruckelt das Spiel hingegen manchmal, das fällt allerdings nicht all zu schwer ins Gewicht.

Die englische Sprachausgabe von Red Dead Redemption 2 ist über jeden Zweifel erhaben. Sowohl die neuen Sprecher, die Arthur (Roger Clark), Sadie (Alex McKenna) & Co. ihre Stimmen leihen, als auch die Rückkehrer wie Dutch (Benjamin Byron Davis) leisten hervorragende Arbeit. Besonders pikant ist sicher die Darstellung der Marston-Familie, da Teil zwei vor Teil eins spielt. Wir fanden die Stimme von John etwas zu rau im Vergleich zu seinem älteren Selbst in Red Dead Redemption. Seine Frau Abigail (Cali Elizabeth Moore), sein Sohn Jack und Kollege Javier (Antonio Jaramillo) wurden von anderen Sprechern als im Erstling vertont. Die Wechsel fallen Spielern des Vorgängers direkt auf, allerdings fügen sie sich gut in das Ensemble ein.

Die interaktive musikalische Untermalung (“Score”) wurde wieder von Woody Jackson (RDR, GTA V, L.A. Noire) komponiert. Über 100 Musiker arbeiteten an dem Score von Red Dead Redemption 2. Er führt den Stil von Teil eins fort. Die Musik von Red Dead Redemption war sehr experimentell und bereits dynamisch, das heißt die Musik bleibt beim Ausritt ruhig und nimmt bei Schusswechseln Fahrt auf. Das ist auch in Red Dead Redemption 2 der Fall. Die Kompositionen sind abwechslungsreicher und übersteigen denen ihres Vorgängers schlicht in der Masse. Lizenzierte Musik wurde in Red Dead Redemption nur an ausgewählten Momenten eingesetzt. Dieser bewusste gezielte Einsatz von Gesangselementen setzt sich hier fort, allerdings wählte sie Rockstar diesmal nicht aus einem bestehenden Pool aus, sondern gab sie direkt selbst in Auftrag. Die gefühlvollen Balladen von Willie Nelson und Rhiannon Giddens oder die an Anthony Hamiltons Beitrag zu Django Unchained erinnernde Soul-Nummer von D’Angelo werden uns noch ewig in Verbindung mit einzelnen Szenen aus Red Dead Redemption 2 in Erinnerung bleiben. Rockstar Games hat kürzlich angekündigt, den Soundtrack separat veröffentlichen zu wollen, was gegenwärtig noch nicht geschehen ist.

Fazit

Red Dead Redemption 2 ist ein spielbares Western-Epos. Für die gesamte Spielzeit von 60 Stunden oder mehr sind wir integrer Teil der van der Linde-Bande. Wir lachen miteinander, streiten uns, trauern um Dahingeschiedene, verlieben uns, tauschen am nächtlichen Lagerfeuer Geschichten aus goldenen Zeiten aus und träumen von einer beschwerdefreien Zukunft nach dem letzten großen Ding. Dann ist aber Schluss mit den Raubzügen. Der Abgesang an die Revolverhelden erzählt auch den tragischen Abstieg des namensgebenden Anführers Dutch van der Linde. Dass Arthur Morgan ein starker Hauptcharakter ist, offenbart sich erst nachdem einige Zeit vergangen ist.

Das Rockstar-Spiel trumpft mit einer großartig inszenierten Geschichte, die sich über fast ein Jahrzehnt erstreckt, auf, und haucht nicht nur den Charakteren Leben ein. Die riesige lebendige Spielwelt stellt nahezu jedes andere Videospiel in den Schatten. Auch spielerisch wird Red Dead Redemption 2 dem Begriff Epos gerecht und strapaziert mit ausladenden Ritten und der behutsamen Einführung neuer Spieleelemente nach Dutzenden von Spielstunden die Geduldsfäden von Digital Natives. Das Spiel belohnt die Geduld des Spielers damit so viele interessante Momente zu erleben, die für drei Spiele reichen. Nicht jeder Spieler wird mit Red Dead Redemption 2 etwas anfangen können und nicht jeder kann über die Unzulänglichkeiten in der Spielmechanik ohne weiteres hinwegsehen, doch die die sich darauf einlassen, werden es so schnell nicht mehr weglegen.

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